{"id":101,"date":"2018-07-24T21:59:47","date_gmt":"2018-07-24T21:59:47","guid":{"rendered":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=101"},"modified":"2018-07-29T11:03:52","modified_gmt":"2018-07-29T11:03:52","slug":"riemanns-musikalische-grammatik","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=101","title":{"rendered":"Riemanns musikalische Grammatik"},"content":{"rendered":"<h3>Zur Terminologie<\/h3>\n<p>\u00ab\u00b0\u00bb (links vom Symbol geschrieben), bezeichnet bei Riemann einen Mollakkord<\/p>\n<p>\u00ab\u00b0a\u00bb bezeichnet den Mollakkord d \u2013 f \u2013 a und nicht etwa a \u2013 c \u2013 e!<\/p>\n<p>Man muss sich also daran gew\u00f6hnen, dass im Fall eines Mollakkordes nicht der Grundton angegeben wird. Mollakkorde werden immer von der Quinte abw\u00e4rts angegeben:<\/p>\n<p>\u00ab+\u00bb (rechts vom Symbol geschrieben) bezeichnet einen Durakkord.<\/p>\n<p>Die in moderner Schreibweise C \u2013 a \u2013 d \u2013 G notierte Akkordfolge, notiert Riemann also folgendermassen:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">c+ \u2013 \u00b0e \u2013 \u00b0a \u2013 g+<\/p>\n<ul>\n<li>Ein zu einem Akkord <strong>homonomer <\/strong>besitzt dasselbe Tongeschlecht, also Dur im Fall von Dur und Moll im Fall von Moll.<\/li>\n<li>Entsprechend weist ein zu einem andern Akkord<strong> antinomer<\/strong> das gegens\u00e4tzliche Geschlecht auf.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zum Beispiel sind c+ und d+ homonome Akkorde, a+ und \u00b0e jedoch sind antinom.<\/p>\n<ul>\n<li>Ein zu einem Akkord <strong>homologer<\/strong> steht auf einer Stufe, die in Richtung der f\u00fcr die Akkordkonstruktion geltenden Tonreihe steht.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ist ein Akkord einer bestimmten Stufe also auf einen Durakkord bezogen, so wird die Stufe nach oben abgez\u00e4hlt, auf einen Mollakkord bezogen werden die Stufen getreu der Mollkonzeption Riemanns nach unten abgez\u00e4hlt.<\/p>\n<ul>\n<li>Das Gegenteil von homolog ist <strong>antilog<\/strong>.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der homologe Quintklang zu c+ ist zum Beispiel g+, der homologe Quintklang zu \u00b0a ist \u00b0d.<\/p>\n<p>Die beiden Begriffepaare \u2013nom und -log lassen sich kombinieren. Der zu c+ homologe und antinome Quartklang ist \u00b0f, der zu \u00b0e homonome und homologe Terzklang ist \u00b0c, der zu f+ antiloge und antinome Sextklang ist \u00b0a und so weiter.<\/p>\n<p>Das W\u00f6rterbuch der Riemannschen Grammatik besteht also aus den Dur- und Molldreikl\u00e4ngen:<\/p>\n<p><strong>Kl\u00e4nge<\/strong> = {c+, d+, e+, f+, g+, a+, h+, \u00b0c, \u00b0d, \u00b0e, \u00b0f, \u00b0g, \u00b0a, \u00b0h}<\/p>\n<p>Riemann erweitert das W\u00f6rterbuch mit allen chromatischen Varianten und Septimenkl\u00e4ngen (f\u00fcr Dominantakkorde). Wir wollen uns hier aber auf eine reduzierte Variante beschr\u00e4nken; es geht ja auch nur darum, das Prinzip klarzumachen.<\/p>\n<h3>Die Grammatik<\/h3>\n<p>Aus den Grundelementen lassen sich nun mit mehr oder weniger klar definierten Regeln komplexere Gebilde zusammenstellen. Die einfachsten davon nennt Riemann <strong>Thesen.<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Eine Auswahl an Regeln zur Konstruktion von <strong>einseitigen Thesen <\/strong>ist:<\/p>\n<ul>\n<li>Eine These ist ein Klang, gefolgt vom homologen homonomen Quintklang, gefolgt vom Klang.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Beispiele: in Dur: c+ \u2013 g+ \u2013 c+; in Moll: \u00b0e \u2013 \u00b0a \u2013 \u00b0e<\/p>\n<ul>\n<li>Eine These ist ein Klang, gefolgt vom homologen homonomen Terzklang, gefolgt vom Klang.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Beispiele: in Dur: c+ \u2013 e+ \u2013 c+; in Moll: \u00b0e \u2013 \u00b0c \u2013 \u00b0e<\/p>\n<p>Ganz analog werden Regeln f\u00fcr Sextenkl\u00e4nge, sowie antiloge homonome, antinome antiloge und alle weiteren Varianten definiert. Neben einseitigen Thesen k\u00f6nnen auch <strong>zweiseitige Thesen<\/strong> mit Regeln konstruiert werden. Im Gegensatz zu den einfachen einseitigen kombinieren sie <em>drei<\/em> verschiedene Kl\u00e4nge:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>\u00abVollst\u00e4ndige Kadenz\u00bb<\/strong>: Eine These ist ein Klang, gefolgt vom antilogen homonomen Quintklang, gefolgt vom homologen homonomen Quintklang, gefolgt vom Klang.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Beispiele: in Dur: c+ \u2013 f+ \u2013 g+ \u2013 c+; in Moll: \u00b0e \u2013 \u00b0h \u2013 \u00b0a \u2013 \u00b0e<\/p>\n<p>Die vollst\u00e4ndige Kadenz in Moll ist in der riemannschen Definition, wie bereits erw\u00e4hnt, eine Kopfgeburt und auch nie \u00fcber die theoretische Formulierung hinausgekommen. Um fair zu bleiben, muss man aber sagen, dass dies der Grammatik keinen Abbruch tut. Diese liesse sich n\u00e4mlich genau gleich angeben, wenn man Moll als dem Dur parallele Tonart mit dem homologen homonomen Sextklang als Grundklang definieren und die Idee der Untertonreihe aufgeben w\u00fcrde. Wer sich ein bisschen in die Riemann-Grammatik einf\u00fchlen m\u00f6chte, kann dies ja \u00fcbungshalber durchf\u00fchren. Viel Vergn\u00fcgen.<\/p>\n<p>Den Grundklang bezeichnet Riemann auch als <strong>Tonika<\/strong>, den homologen homonomen Quartklang als <strong>Sub- oder Unterdominante,<\/strong> den homologen homonomen Quintklang als <strong>Dominante<\/strong>.<\/p>\n<p>Um die ganze Sache noch ein bisschen komplexer zu machen, bestimmt er weitere Typen von Thesen: Solche, die nicht auf der Tonika enden, heissen <strong>offen<\/strong>, solche, die auf der Tonika abschliessen, heissen <strong>geschlossen<\/strong>. Thesen, die auf der Tonika beginnen, heissen <strong>direkte<\/strong> Thesen, solche, die auf einem anderen Klang beginnen, nennt Riemann <strong>mittelbare<\/strong> Thesen.<\/p>\n<p>Analog zur Regel der vollst\u00e4ndigen Kadenz lassen sich Regeln f\u00fcr offene, geschlossene, mitttelbare, direkte und alle Kombinationen von zweiseitigen Thesen formulieren. Zum Beispiel:<\/p>\n<p>g+ \u2013 c+ \u2013 f+ \u2013 c+ ist eine mittelbare, geschlossene These, ebenso<\/p>\n<p>\u00b0d \u2013 \u00b0a \u2013 \u00b0e \u2013 \u00b0a<\/p>\n<p>Um das System zu vervollst\u00e4ndigen, werden schliesslich <strong>Thesenverkettungen <\/strong>eingef\u00fchrt. Im Grossen und Ganzen handelt es sich dabei um eine Modulationslehre, respektive einen Tonartenplan f\u00fcr gr\u00f6ssere kompositorische Strukturen, in denen sich die Kleinstrukturen in einer Art Selbst\u00e4hnlichkeit wieder spiegeln k\u00f6nnen. Eine Thesenverkettung ist zum Beispiel:<\/p>\n<p>Eine C-Dur-These, gefolgt von einer G-Dur-These, gefolgt von einer C-Dur-These.<\/p>\n<p>Eine weitere M\u00f6glichkeit in Anlehnung an dreiseitige Thesen:<\/p>\n<p>C-Dur \u2013 F-Dur \u2013 G-Dur \u2013 C-Dur.<\/p>\n<p>Riemanns Grammatik und vergleichbare Systeme der Harmonielehre passen ihr Regelsystem so ein, dass der Ausgangspunkt in der Regel entweder eine zu harmonisierende Melodie oder ein auszusetzender Bass ist. Die klassische Kombination aus Harmonielehre und Stimmf\u00fchrungsregeln nimmt als Ausgangspunkt eine Akkordfolge. In diesem Fall sind die Grundelemente alle m\u00f6glichen Arten, die T\u00f6ne im Drei- oder Vierklang zu verteilen. Dies k\u00f6nnen weite oder enge Anordnungen, unterschiedliche Arten der Verdoppelung oder Weglassung von T\u00f6nen, aber auch Verteilung von Grundton, Terz, Quint und Septime auf die einzelnen Stimmen sein.<\/p>\n<p>Die Regeln lauten in diesem Fall zum Beispiel:<\/p>\n<p>Zwei Kl\u00e4nge d\u00fcrfen nicht verkettet werden, wenn sich zwischen zwei ihrer Stimmen Quint- oder Oktavparallelen ergeben.<\/p>\n<p>Viele der riemannschen Ideen sind in der Musikpraxis und \u2013ausbildung heute noch lebendig, die Stufen- und Funktionsharmonik, das Denken in Kadenzen und Achttaktphrasen. Nicht durchgesetzt hat sich hingegen seine hegelsche Terminologie und das Aufdr\u00f6seln von Musik in Thesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Terminologie \u00ab\u00b0\u00bb (links vom Symbol geschrieben), bezeichnet bei Riemann einen Mollakkord \u00ab\u00b0a\u00bb bezeichnet den Mollakkord d \u2013 f \u2013 a und nicht etwa a \u2013 c \u2013 e! 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