{"id":129,"date":"2018-07-25T08:19:47","date_gmt":"2018-07-25T08:19:47","guid":{"rendered":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=129"},"modified":"2018-07-29T11:05:50","modified_gmt":"2018-07-29T11:05:50","slug":"moderne-variante-in-der-jazzharmonik","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=129","title":{"rendered":"Moderne Variante in der Jazzharmonik"},"content":{"rendered":"<p>Riemanns musikalische Grammatik hat als Konzept Schule gemacht. Eine moderne Abwandlung findet sich zum Beispiel in der Harmonik, die an Jazzschulen gelehrt wird. Sie ist von etwas anderer Gestalt, weil sie dem improvisierenden Musiker angemessene Werkzeuge in die Hand geben muss. Die polyphone Denkweise mit dem Akzent auf kontrapunktischen Strukturen entf\u00e4llt, da es ja ein Ding der Unm\u00f6glichkeit ist, komplexe kontrapunktische Abl\u00e4ufe spontan in Echtzeit zu erzeugen. Die Musiker m\u00fcssten dazu zum einen wissen, was ihre Mitmusiker im Sinn haben, und zum andern ein komplexes Regelsystem fl\u00fcssig interpretieren. Das w\u00e4re zuviel des Guten.<\/p>\n<p>Obwohl der Kontrapunkt im Jazz durchaus eine Rolle spielt \u2013 vor allem in niedergeschriebenen Arrangements f\u00fcr gr\u00f6ssere Ensembles wie Big Bands \u2013 und er auch eigenst\u00e4ndige kontrapunktische Regelwerke ausgebildet hat, liegt der Akzent doch eindeutig auf der Harmonik. Das Fehlen der Polyphonie wird im improvisierten Solo mit der harmonischen Klangfarbe kompensiert. Die harmonischen Regeln des Jazz legen deshalb fest, wie Harmonieschemata variiert werden k\u00f6nnen. Sie besagen zum Beispiel, durch welche andere Akkorde ein Akkord ersetzt werden kann, ohne die Grundstruktur eines St\u00fcckes zu ver\u00e4ndern. Beliebt sind dabei vor allem Verkomplizierungen.<\/p>\n<p>Wie einfache Harmonieschemata durch kompliziertere ersetzt werden, zeigt zum Beispiel die Jazzharmonielehre von David Liebman<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Die liebmannsche <em>Regel der <\/em><strong>Tritonus-Substitution <\/strong>besagt etwa, dass ein Akkord durch den um einen Tritonus entfernten ersetzt werden kann, eine vor allem im Bebop beliebte Technik. Das heisst<\/p>\n<p><em>vier Schl\u00e4ge Dm7 &#8211; vier Schl\u00e4ge G7 &#8211; acht Schl\u00e4ge C<\/em><\/p>\n<p>kann ersetzt werden durch<\/p>\n<p><em>vier Schl\u00e4ge Abm7 &#8211; vier Schl\u00e4ge Db7 &#8211; acht Schl\u00e4ge C<\/em><\/p>\n<p>Von der Regel gibts Varianten, etwa eine Mischform, bei der beide Varianten ins Spiel kommen:<\/p>\n<p><em>zwei Schl\u00e4ge Abm7 &#8211; zwei Schl\u00e4ge Dm7 &#8211; zwei Schl\u00e4ge Db7 &#8211; zwei Schl\u00e4ge G7 &#8211; acht Schl\u00e4ge C<\/em><\/p>\n<p>Hinzukommen k\u00f6nnen noch Kniffe, wie ein chromatisches Umspielen oder Anzielen:<\/p>\n<p><em>zwei Schl\u00e4ge Abm7 &#8211; zwei Schl\u00e4ge A7 &#8211; zwei Schl\u00e4ge Db7 &#8211; zwei Schl\u00e4ge B7 &#8211; acht Schl\u00e4ge C<\/em><\/p>\n<p>Mit Hilfe der Ersetzungsregeln lassen sich auch Jazzstile aussagekr\u00e4ftig charakterisieren. Die obige Harmoniefolge hat der Saxophonist John Coltrane zum Beispiel vorzugsweise so ersetzt:<\/p>\n<p><em>zwei Schl\u00e4ge Dm7 &#8211; zwei Schl\u00e4ge Eb7 &#8211; zwei Schl\u00e4ge Ab &#8211; zwei Schl\u00e4ge B7 &#8211; zwei Schl\u00e4ge E &#8211; zwei Schl\u00e4ge G7 &#8211; vier Schl\u00e4ge C<\/em><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> David Liebman, A Chromatic Approach To Jazz Harmony and Melody, Advance Music, o. O., printed in Germany 1991<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Riemanns musikalische Grammatik hat als Konzept Schule gemacht. Eine moderne Abwandlung findet sich zum Beispiel in der Harmonik, die an Jazzschulen gelehrt wird. Sie ist von etwas anderer Gestalt, weil sie dem improvisierenden Musiker angemessene Werkzeuge in die Hand geben muss. 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Obwohl der Kontrapunkt im Jazz durchaus eine Rolle spielt \u2013 vor allem in niedergeschriebenen Arrangements f\u00fcr gr\u00f6ssere Ensembles wie Big Bands \u2013 und er auch eigenst\u00e4ndige kontrapunktische<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-129","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/129","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=129"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/129\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":132,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/129\/revisions\/132"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=129"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}