{"id":140,"date":"2018-07-25T08:54:37","date_gmt":"2018-07-25T08:54:37","guid":{"rendered":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=140"},"modified":"2018-07-29T11:56:31","modified_gmt":"2018-07-29T11:56:31","slug":"generative-transformationen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=140","title":{"rendered":"Generative Transformationen"},"content":{"rendered":"<p>Schenkers Ideen fanden \u00fcber den popul\u00e4rsten Dissidenten und \u00fcber den r\u00fchrigsten Dirigenten und Komponisten Amerikas, \u00fcber Noam Chomsky und Leonard Bernstein, den Weg in die moderne Musiklinguistik. Noam Chomsky entwickelte am Massachusetts Institute of Technology in den 1950er- und 1960er-Jahren eine linguistische Theorie, welche den in Amerika allgemein vorherrschenden Behaviorismus in den Grundfesten ersch\u00fcttern sollte. Die Grundlagen dazu hatte er 1955 bereits mit seiner Dissertation gelegt<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p>Chomsky w\u00e4chst in einem linguistischen Umfeld auf, das von dem epochalen Werk <em>Methods in Structural Linguistics<\/em> (1951)<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> seines akademischen Lehrers Zellig Harris bestimmt wird. Der Sohn j\u00fcdisch-russischer Eltern mit Wurzeln in der Ukraine verbindet den amerikanischen Deskriptivismus, der linguistische Forschung auf die systematische Beschreibung \u00e4usserlicher sprachlicher Formen begrenzt, mit mathematischen Regelwerken und Elementen der Mengenlehre. Aus den g\u00e4ngigen Untersuchungen zu den amerikanischen Indianersprachen w\u00e4chst so eine komplexe und abstrakte Theorie des strukturellen Aufbaus von Sprachen, die sich strikte auf das Beschreiben \u00e4usserlicher Strukturen beschr\u00e4nkt \u2013 deshalb auch der Name \u00abStrukturalismus\u00bb, der die Denkrichtung bezeichnet.<\/p>\n<p>Chomsky f\u00fchrt die Forschung aus der sich abzeichnenden Sackgasse des Ignorierens wichtiger semantischer Aspekte hinaus, indem er die Fragen nach dem Verstehen von Sprache und der Sprachkompetenz neu stellt. Ein kompetenter Sprecher \u2013 versucht er aufzuzeigen \u2013 weiss grunds\u00e4tzlich mehr \u00fcber eine Sprache, als sich mit einer Analyse in der Art von Harris herleiten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Chomskys illustratives Beispiel aus dem Buch <em>Syntactic Structures<\/em>, der Ver\u00f6ffentlichung seiner Dissertation aus dem Jahr 1957, sieht folgendermassen aus. Man betrachte die drei S\u00e4tze:<\/p>\n<ol>\n<li>The shooting of the hunters (das Schiessen der J\u00e4ger)<\/li>\n<li>The growling of lions (das Knurren der L\u00f6wen)<\/li>\n<li>The raising of flowers (das Wachsen der Blumen)<\/li>\n<\/ol>\n<p>Sie alle haben die gleiche Oberfl\u00e4chenstruktur, n\u00e4mlich:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Das x-ing der y<\/p>\n<p>Offensichtlich l\u00e4sst sich der erste Satz auf zwei verschiedene Arten deuten: Zum einen kann damit gemeint sein, dass die J\u00e4ger schiessen. Zum andern ist es aber auch m\u00f6glich, ihn so zu deuten, dass auf die J\u00e4ger geschossen wird, eine zwar ein wenig frivole, aber auch im Deutschen grammatikalisch korrekte Deutung. Die sogenannte syntaktische Tiefenstruktur ist in diesem Fall unterschiedlich:<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, in <em>Aspects of the Theory of Syntax<\/em> (1965)<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> stellt sich Chomsky die an sich einfache Frage, wie es m\u00f6glich sein kann, dass ein Mensch sich in der kurzen Zeit der fr\u00fchen Kindheit eine derart komplexe Kompetenz wie den Umgang mit einer Sprache erwerben kann. Im Hintergrund stehen dabei erhebliche Zweifel an der behavioristischen Doktrin, dass auch intellektuelle Leistungen sich auf ein Reiz\/Reaktionsschema und den Wissenserwerb durch Lernen zur\u00fcckf\u00fchren lassen. Eine solche scheint die Geschwindigkeit nicht zu erkl\u00e4ren, mit der ein Kind eine Sprache erwirbt und in der Lage ist, eine prinzipiell unendliche Menge an sinnvollen S\u00e4tzen zu generieren und grammatikalische \u00c4usserungen zu machen, die es zuvor noch nie geh\u00f6rt hat. Chomsky zieht den Schluss, dass der Mensch \u00fcber eine angeborene Sprachf\u00e4higkeit verf\u00fcgen muss, die von der Sprache, die er als Kind lernt, unabh\u00e4ngig ist. Diese angeborene sprachunabh\u00e4ngige F\u00e4higkeit will er in der Form einer Universalgrammatik beschreiben.<\/p>\n<p>Da die Grammatik von Chomsky den Akzent auf dem Erzeugen oder eben Generieren von S\u00e4tzen legt, und diesen Vorgang des Erzeugens beleuchten will, hat sie den Zusatz \u00abgenerativ\u00bb erhalten. Eine \u00fcbliche Abk\u00fcrzung f\u00fcr die Theorie ist gTG f\u00fcr \u00abgenerative Transformationsgrammatik\u00bb. Die gTG setzt sich klar vom Vorl\u00e4ufer Strukturalismus ab, der den Akzent auf das \u00e4usserliche Beschreiben von S\u00e4tzen legt. Transformationsgrammatik heisst das System, weil es Regeln besitzt, mit deren Hilfe sich die von einer einzelnen Sprache unabh\u00e4ngigen Tiefenstrukturen in Oberfl\u00e4chenstrukturen f\u00fcr eine bestimmte Sprache, etwa Deutsch, Englisch oder Chinesisch, \u00fcberf\u00fchren \u2013 eben transformieren \u2013 lassen.<\/p>\n<p>Das Resultat der Suche nach einem universalen Schema f\u00fcr den syntaktischen Aspekt der Sprache ist das \u00abx-bar-Schema\u00bb, das f\u00fcr alle Sprachen G\u00fcltigkeit haben soll. Alle Bausteine eines Satzes, seien es sogenannte Nominalphrasen, Verbalphrasen oder Pr\u00e4positionalphrasen, besitzen einen sogenannten Kopf (Head) und Erweiterungen: So ist zum Beispiel der Kopf der Nominalphrase \u00abder Wiener Komponist Schubert\u00bb der Ausdruck \u00abSchubert\u00bb. Das heisst, die Nominalphrase spaltet sich in die zwei Elemente \u00abder Wiener Komponist\u00bb und \u00abSchubert\u00bb auf, und die Erweiterungen spalten sich wiederum in weitere Elemente auf (\u00abder Wiener\u00bb und \u00abKomponist\u00bb). Daraus ergibt sich f\u00fcr die syntaktische Analyse eine Baumstruktur mit Verzweigungsstellen, an denen immer genau zwei \u00c4ste ansetzen.<\/p>\n<p>Der Satz \u00abDer Wiener Komponist Schubert schrieb zahlreiche deutsche T\u00e4nze\u00bb l\u00e4sst sich auf Basis des x-bar-Schemas folgendermassen darstellen:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-141 aligncenter\" src=\"https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm1-300x113.jpg\" alt=\"\" width=\"452\" height=\"170\" srcset=\"https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm1-300x113.jpg 300w, https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm1.jpg 364w\" sizes=\"auto, (max-width: 452px) 100vw, 452px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Chomsky-Analyse des Satzes \u00abDer Wiener<\/em><br \/>\n<em>Komponist Schubert schrieb zahlreiche deutsche T\u00e4nze\u00bb;<\/em><br \/>\n<em>der Baum verzweigt sich an jedem Knotenpunkt nur einmal.<\/em><\/p>\n<p>Die Idee einer genetisch festgelegten Sprachkompetenz ist aus verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden vor allem von behavioristisch orientierten Linguisten aufs Heftigste angezweifelt worden; sie missachtet ihre Grundvoraussetzung, n\u00e4mlich die \u00dcberzeugung, dass der Mensch von Geburt an ein \u00abunbeschriebenes weisses Blatt ist\u00bb und durch Konditionierung beliebige Fertigkeiten erwerben kann. (Moderne Popul\u00e4rvertreter der These sind sinnigerweise die V\u00e4ter von mehreren T\u00f6chtern: Mit der gezielten Schachausbildung seiner T\u00f6chter Sofia, Judith und Susan wollte Vater Polgar beweisen, dass mit sorgf\u00e4ltiger Erziehung alles m\u00f6glich ist \u2013 mit Erfolg: Judith und Susan f\u00fchrten die Rangliste der weltbesten Schachspielerinnen an. Vater Williams wiederum plante das gleiche f\u00fcr seine T\u00f6chter Serena und Venus im Frauentennis. Die beiden dominieren lange die WTA-Weltrangliste nach Belieben. Trotz der unbestrittenen und spektakul\u00e4ren Schach- und Tenniserfolge wird heute jedoch kaum noch bezweifelt, dass der Mensch auch \u00fcber angeborene F\u00e4higkeiten verf\u00fcgt.)<\/p>\n<p>Chomskys Theorien \u00fcben bis heute in allen Kreisen, die sich mit Sprachen und Symbolsystemen besch\u00e4ftigten, eine starke Faszination aus. Aus der Warte des Musiktheoretikers ist zudem, wie bereits erw\u00e4hnt, eine gewisse \u00e4ussere \u00c4hnlichkeit der Grammatikb\u00e4ume und des x-bar-Schemas mit Schenkerschen Analysen un\u00fcbersehbar. So war es bloss ein Frage der Zeit, bis die ersten Versuche unternommen werden sollten, die Resultate der linguistischen Forschungen auf den Gebieten der Transformationsgrammatik auf die Musik zu \u00fcbertragen, in der Hoffnung, die sprachlichen oder grammatikalischen Eigenschaften von Musik endlich dingfest machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Vorspiel dazu findet 1973 im Rahmen von sechs Vorlesungen an der Harvard Universit\u00e4t unter dem Titel \u00abMusik \u2013 die offene Frage\u00bb<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> statt \u2013 unter denkw\u00fcrdigen Umst\u00e4nden. Als Redner amtet niemand geringeres als der charismatische Komponist und Dirigent Leonard Bernstein, der Sch\u00f6pfer der \u00abWest Side Story\u00bb. Im Vorwort der gedruckten Fassung der Vortr\u00e4ge beschreibt er das dannzumal anwesende Publikum als ein Mischung aus \u00abStudenten, Leuten ohne h\u00f6here Bildung, dem Wachmann von nebenan, meiner Mutter, Musikfachleuten ohne Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Sprachwissenschaft, ihren Gegenst\u00fccken, Wissenschaftlern ohne Interesse f\u00fcr Poesie, ihren Gegenst\u00fccken\u00bb. Sie alle will er entf\u00fchren auf eine \u00abReise ins Chomsky-Land\u00bb.<\/p>\n<p>Gleich in der ersten Vorlesung weist er den Kurs:<\/p>\n<blockquote><p>Jahr f\u00fcr Jahr erh\u00e4rtet sich in zunehmendem Masse die Hypothese der Sprachwissenschaftler, wonach es eine angeborene grammatische Bef\u00e4higung gibt (wie Chomsky das nennt), ein genetisch gesteuertes Sprachverm\u00f6gen, das universell ist. Es ist dies eine Bef\u00e4higung, die nur dem Menschen eigen ist; sie k\u00fcndet von der einzigartigen Macht menschlichen Geistes.<\/p>\n<p>Nun, die Musik tut nichts anderes.<\/p>\n<p>Aber wie ergr\u00fcnden wir musikalische Universalit\u00e4t mit einem so wissenschaftlichen Werkzeug wie dem der sprachlichen Analogie? Musik, sagt man, ist ein Umschreibungsvorgang, eine Art geheimnisvoller Versinnlichung unseres zuinnerst empfindenden Seins. Musik l\u00e4sst sich leichter in schillernder Prosa darstellen als in Form von Gleichungen. Selbst ein so bedeutender Wissenschaftler wie Einstein sagte: \u00abDas Sch\u00f6nste, das wir erleben k\u00f6nnen, ist das Geheimnisvolle.\u00bb Warum versuchen dann so viele von uns unaufh\u00f6rlich, die Sch\u00f6nheiten der Musik zu erkl\u00e4ren, und berauben sie dabei scheinbar ihrer Geheimnisse? In Wirklichkeit ist die Musik nicht nur eine geheimnisvolle und umschreibende Kunst, sie ist auch ein Kind der Naturwissenschaft. Sie besteht aus mathematisch messbaren Bestandteilen: Schwingungszahlen und Dauern, D\u00e4mpfungseinheiten und Intervallen. Deshalb muss jeder Versuch, Musik zu erkl\u00e4ren, aus einer Verbindung von Mathematik und \u00c4sthetik bestehen, so wie die Sprachlehre Mathematik mit Philosophie, mit Soziologie oder mit was sonst immer verbindet. Gerade aus diesem interdisziplin\u00e4ren Grund bin ich von der neuen Sprachlehre so gefesselt: sie verschafft einen neuen Zutritt zur Musik. Warum also nicht ein Forschen in sprachmusikalischer Richtung, so wie es ja bereits sprachpsychologische und sprachsoziologische Forschungsrichtungen gibt?<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Was Bernstein so fasziniert, ist die Aussicht, eine Universalgrammatik der Musik zu finden und so die viel gesuchte Br\u00fccke zwischen den verschiedenen Musikkulturen der Welt schlagen zu k\u00f6nnen: Die Realisierung des uralten Traums von der Einheit der Menschheit scheint auf dem Gebiet des seelischen Erlebens von Musik pl\u00f6tzlich greifbar zu werden, dank dem Werk Chomskys, dem der \u00fcberschw\u00e4ngliche Bernstein auf der Suche nach dem Menschheitsverbindenden einen \u00abbeethovenschen Impuls\u00bb andichtet, den scharfsinnig-filigranen Intellektuellen also ironischerweise ausgerechnet zum romantischen Gef\u00fchlsgenie hochstilisiert.<\/p>\n<p>In der Umsetzung der These hat der musikalische Tausendsassa allerdings weniger Gl\u00fcck. So entwickelt er etwa auf folgende Art Parallelen zu Transformationsregeln: Der Satz \u00abJack liebt Jill\u00bb werde von einem aufsteigenden Dur-Dreiklang repr\u00e4sentiert. Die Verneinung \u00abJack liebt Jill nicht\u00bb leitet Bernstein ab, indem er den Dur-Dreiklang in einen Moll-Dreiklang verwandelt \u2013 schliesslich ist es ja traurig, dass Jack die sympatische Jill nicht liebt. Die wilde Vermischung von syntaktischen Strukturen, einer Gleichsetzung eines abstrakten Operators (\u00abnicht\u00bb) mit einer konkreten Situation und der emotionalen Reaktion eines H\u00f6rers auf einen Satz mutet r\u00fchrend naiv an. Um die Konfusionen noch zu vergr\u00f6ssern, korreliert Bernstein sch\u00f6n der Reihe nach den ersten Ton mit \u00abJack\u00bb, den zweiten mit \u00abliebt\u00bb und den dritten mit \u00abJill (nicht)\u00bb, womit der nicht-Operator irgendwo mit \u00abJill\u00bb gleichgeschaltet wird und die Moll-Terz auf das Verb \u00ablieben\u00bb f\u00e4llt. Das Ganze mutet an wie eine Art lingustischer Kubismus, wie die Portr\u00e4ts von Picasso, in denen eine Nase von der Seite, ein Auge von oben und der Mund von hinten gemalt sind. Vermutlich war es Bernstein auch nicht sooo ganz ernst mit den Analogien.<\/p>\n<p>Ernster zu nehmen sind da schon seine Analogien zu den Transformationsregeln, vor allem weil bei der Entwicklung eines musikalischen Pendants nicht auf Bedeutungen zur\u00fcckgegriffen werden muss, sondern man sich auf das Spiel mit Formen beschr\u00e4nken kann (Bernstein bezieht sich auf ein Diagramm, das in etwa so aussieht):<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\">Musik<br \/>\n\u00ad^<br \/>\nC Tiefenstruktur<br \/>\n(\u00abProsa\u00bb)<br \/>\n^<br \/>\nB Grundgef\u00fcge<br \/>\n^<br \/>\nA Grundelemente<\/p>\n<p>Auf der untersten Sprosse (A) sind die musikalischen Grundelemente dem sch\u00f6pferischen Willen zur Auswahl: Tonh\u00f6hen; Tonarten mit den ihnen eigenen Tonleitern und Akkorden: Zeitmasse mit ihren s\u00e4mtlichen motorischen Folgeerscheinungen wie Tempi etc. Aus ihnen entstehen (B) gewisse Kombinationen: melodische Motive und Phrasen, Akkordfortschreitungen, rhythmische Figuren, und so fort. Sie sind das musikalische \u00abGrundgef\u00fcge\u00bb, auf der gleichen Sprossenh\u00f6he wie das Grundgef\u00fcge der Sprachleiter. Dieses Grundgef\u00fcge kann durch Zurechtr\u00fcckung und Vertauschung in das verwandelt werden (C), was wir musikalische Prosa genannt haben. Und hier stimmen die beiden Teile der Doppelleiter nicht mehr \u00fcberein: Wie Sie sehen ist ein Prosa-Satz in der Sprache bereits eine <em>Oberfl\u00e4chenstruktur<\/em>, w\u00e4hrend musikalische Prosa nur als <em>Tiefenstruktur<\/em> denkbar ist. Aber darauf waren wir ja vorbereitet. Wir haben von Anfang an gewusst, dass Musik niemals Prosa sein kann. Wagen wir also unseren H\u00f6henflug, und unser Wiederverwandlungsprozess wird jene \u00e4sthetische Oberfl\u00e4che hervorbringen, die wir Musik nennen.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Den Unterschied zur Sprache sieht Bernstein also in der Tatsache, dass in letzterer die Prosa erst auf der Oberfl\u00e4chenstruktur ansetzt, w\u00e4hrend sie in der Musik eine Eigenschaft der Tiefenstruktur ist.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil der zweiten Vorlesung (Titel: \u00abMusikalische Satzlehre\u00bb) illustriert Bernstein seine \u00dcberlegungen mit einem Beispiel, das zum Wahrzeichen aller folgenden Theorien der musikalischen Chomsky-Schule werden sollte: Dem Beginn von Mozarts g-Moll-Sinfonie, KV 550.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Bernstein analysiert den Beginn des ersten Satzes und kommt zum Schluss, dass die erste schwere Zeit erst auf der Eins des dritten Taktes zu finden ist: Auch der weitere Verlauf wird von Bernstein einer akribischen Pr\u00fcfung unterzogen. Dabei stellt sich heraus, dass im Takt 10 eine Interpretation als starker und schwacher Takt im Widerstreit liegen. Alle diese Analysen sieht Bernstein als eine Anwendung von Transformationsregeln. Sein Fazit:<\/p>\n<blockquote><p>Es m\u00fcsste jetzt jedem klar sein, dass sich die Oberfl\u00e4chenstruktur, die wir untersucht haben, im lebhaften Widerspruch zur unausstehlich langweiligen symphonischen Tiefenstruktur steht, die ich als ihre Grundlage angenommen habe; und dass dieser Widerstreit eine syntaktische Mehrdeutigkeit in Mozarts musikalischem Phrasenbau hervorruft, die sich aus unsymmetrischen Eingriffen ergibt, aber v\u00f6llig kontrolliert ist, klassisch in Schranken gehalten durch die Ausgewogenheit der Proportionen der Mozartschen Sonatenform.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Ob Bernsteins Resultate nun Hand und Fuss haben ist nicht entscheidend. Wichtig ist, dass er andere mit der Nase darauf gestossen hat, dass sich die Theorien Chomskys unter Umst\u00e4nden f\u00fcr ein tieferes Verst\u00e4ndnis der syntaktischen Charakteristiken der Musik dienstbar machen lassen.<\/p>\n<p>\u00dcber den Umweg eines von Bernsteins Vorlesungen motivierten Seminars besch\u00e4ftigen sich zwei Wissenschaftler \u2013 noch im Studium \u2013 mit der Verbindung der Transformationsgrammatik mit Musik. Zehn Jahre sp\u00e4ter (1983) legen sie einen der modernen Klassiker der amerikanischen Musik\u00e4sthetik des 20. Jahrhunderts vor, die \u00abgenerative Theorie der tonalen Musik\u00bb (\u00abA Generative Theory of Tonal Music\u00bb<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>), kurz GTTM.<\/p>\n<p>Einer der beiden, Fred Lerdahl, ist von Haus aus Komponist mit einem Hang zur Theorie und beschlagen im Umgang mit formalen Systemen. Beim anderen, Ray Jackendoff, handelt es sich um einen Linguisten und versierten Freizeitmusiker. Das Vorwort von GTTM beginnt folgendermassen:<\/p>\n<blockquote><p>Im Herbst 1973 hielt Leonard Bernstein an der Harvard Universit\u00e4t die Charles Eliot Norton Lectures. Inspiriert von den Einblicken, welche die transformational-generative (\u00abchomskysche\u00bb) Linguistik in die Struktur der Sprache erlaubte, pl\u00e4dierte er f\u00fcr eine Suche nach einer \u00abmusikalischen Grammatik\u00bb, welche die musikalischen F\u00e4higkeiten des Menschen erkl\u00e4ren k\u00f6nnte. Als Resultat der Vorlesungen besch\u00e4ftigten sich zahlreiche Leute in der Region von Boston vermehrt mit der Idee einer Verbindung von Musiktheorie und Linguistik. In der Folge riefen Irving Singer und David Epstein an der Harvard Universit\u00e4t im Herbst 1974 ein Seminar zu Musik, Linguistik und \u00c4sthetik ins Leben.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Eben dieses Seminar bildet den Grundstein der Zusammenarbeit von Lerdahl und Jackendoff. Das Resultat des unabl\u00e4ssigen Dialoges ist ein Text, der das selber gestellte Thema mit ungewohnt hoher Pr\u00e4zision aufarbeitet.<\/p>\n<p>Zum R\u00fcckgriff auf die generative Transformationsgrammatik kommt bei Lerdahl und Jackendoff aber ein zweites wichtiges theoretisches Rahmenwerk: die kognitive Psychologie. Ihr Ausgangspunkt f\u00fcr die Analyse von Musik ist n\u00e4mlich die Art, wie diese im Geist eines kompetenten H\u00f6rers repr\u00e4sentiert ist. Dabei sollen durchaus Aussagen dar\u00fcber gemacht werden, wie das menschliche Hirn Musik verarbeitet. Das Buch nimmt das Unternehmen in Angriff, das zu modellieren, was im Englischen als \u00abmusical mind\u00bb bezeichnet wird. Man k\u00f6nnte es als den \u00abmusikalischen Geist\u00bb oder das \u00abmusikalische Hirn\u00bb \u00fcbersetzen. Leider gibt es im Deutschen kein so allgemeines Wort f\u00fcr\u00abmind\u00bb und \u00dcbersetzungen wie \u00abGeist\u00bb, \u00abVerm\u00f6gen\u00bb, \u00abSinn\u00bb, \u00abSeele\u00bb oder \u00abRepr\u00e4sentation im Kopf\u00bb wecken bereits Assoziationen an bestehende Theorien, die der allgemeine englische Ausdruck nicht impliziert. Lerdahl und Jackendoff gehen davon aus, dass das verarbeitende Hirn Eigenschaften wie Modularit\u00e4t, Spezialisierung, Automatisierung besitzt und die faktische Art der musikalischen Verarbeitung dem Bewusstsein nicht umfassend zug\u00e4nglich ist. Die Autoren glauben auch, dass ihre Theorie einer \u00dcberpr\u00fcfung mit den Mitteln der experimentellen Psychologie zug\u00e4nglich ist (Aspekte davon sind mit ermutigenden Ergebnissen tats\u00e4chlich empirisch untersucht worden, unter anderem von der belgischen Musikpsychologin Ir\u00e8ne Deli\u00e8ge, die eine wichtige Rolle spielt bei der Aufarbeitung der kognitiven Musikpsychologie in Europa)<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>.<\/p>\n<p>Nach einigen Kognitionstheorien l\u00f6st das menschliche Hirn Probleme, indem es sie in mehrere Unterprobleme aufspaltet und diese parallel und bis zu einem gewissen Grad unabh\u00e4ngig voneinander bearbeitet. GTTM folgt diesem Ansatz und schmiedet die unterschiedlichsten \u00abVerstehensstrategien\u00bb wie Harmonik, Stimmf\u00fchrung, Gestaltwahrnehmung und so weiter zu einem integrierten Modell der Musikinterpretation \u2013 mit dem Anspruch, damit auch etwas \u00fcber die Beschaffenheit des menschlichen Geistes auszusagen.<\/p>\n<p>Lerdahl und Jackendoffs Entwurf einer generativen Theorie der tonalen Musik basiert im Sinne der kognitiven Vielfalt auf einer Vierteilung:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Gruppenstruktur<\/strong>: Verfahren, nach denen musikalische Abl\u00e4ufe in Gruppen unterteilt werden.<\/li>\n<li><strong>Metrische Struktur<\/strong>: Analysen f\u00fcr die metrische Struktur, die der Musik zugrunde liegt.<\/li>\n<li><strong>Zeitspannenreduktion<\/strong>: Damit sind Verfahren gemeint, die feinere musikalische Strukturen \u00abvergr\u00f6bern\u00bb oder simplifizieren. Intuitiv entspricht das etwa dem, was man macht, wenn man von einem mit reichen Verzierungen versehenen, komplexen Lied bloss ein einfaches Grundger\u00fcst wiedergibt. Ein Beispiel dazu sind die simplifizierten Versionen von popul\u00e4rer Musik, die zu Zeiten publiziert wurden, zu denen das Klavier noch ein weitverbreitetes Instrument der Hausmusik war oder die vereinfachten Versionen von Notenmaterial, die bereits erw\u00e4hnt worden sind. Die Reduktion wird allerdings \u00e4hnlich wie bei Schenker so weit getrieben, bis nur noch ein Skelett von zwei, drei T\u00f6nen vorhanden ist.<\/li>\n<li><strong>Prolongationsreduktion<\/strong>: Darunter fallen Analysen des Spannungaufbaus und -abbaus in einer Melodie oder einer Komposition (Welche T\u00f6ne sind welchen untergeordnet? Welche dr\u00e4ngen auf andere hin? und so weiter).<\/li>\n<\/ul>\n<p>F\u00fcr alle vier Bereiche werden in GTTM zun\u00e4chst einmal <em>Regeln<\/em> festgelegt, die bestimmen, <em>welche Strukturen \u00abwohlgeformt\u00bb sind<\/em>, wie der Modelltheoretiker sagt. Sie bestimmen bloss, welche Gruppenstrukturen korrekt geformt sind und welche nicht, ohne etwas \u00fcber die Art und Weise zu sagen, wie man zu den Strukturen gelangt.<\/p>\n<p>\u00abAnst\u00e4ndige\u00bb Gruppenstrukturen etwa teilen Musikst\u00fccke vollst\u00e4ndig in kleinere Teile auf, die sich zudem nicht \u00fcberlagern d\u00fcrfen. Eine wohlgeformte Gruppenstruktur sieht etwa so aus:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-142 aligncenter\" src=\"https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm2.jpg\" alt=\"\" width=\"269\" height=\"57\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Eine wohlgeformte Gruppenstruktur;<\/em><br \/>\n<em>grobere Gruppen respektieren die Grenzen der feineren, gr\u00f6bere<\/em><br \/>\n<em>Gruppen sind zudem vollst\u00e4ndig in feinere unterteilt.<\/em><\/p>\n<p>Die Regeln der Wohlgeformtheit f\u00fcr Gruppenstrukturen schliessen hingegen derartige Dinge aus:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-143 aligncenter\" src=\"https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm3-300x59.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"59\" srcset=\"https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm3-300x59.jpg 300w, https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm3-360x71.jpg 360w, https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm3.jpg 362w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Nicht wohlgeformte Gruppenstruktur. Bei j findet<\/em><br \/>\n<em>sich eine unzul\u00e4ssige \u00dcberlappung, bei k fallen die Grenzen gr\u00f6berer<\/em><br \/>\n<em>Gruppenstrukturen nicht mit solchen der feineren zusammen.<\/em><\/p>\n<p>GTTM besitzt eine innovative Eigenheit: Die Theorie geht \u00fcber die Art von Regeln hinaus, die im Zusammenhang mit Grammatiken vorgestellt worden ist. Die weiter oben dargelegten der Webgrammatik wie auch ausnahmslos alle in klassischen logischen Systemen sind eindeutig. Die Eindeutigkeit ist gerade das, was ihre St\u00e4rke ausmacht. Sie erlaubt es, Konklusionen ohne den Schatten eines Zweifels zu ziehen oder Strukturen so exakt zu konstruieren, dass keine Unklarheiten \u00fcbrigbleiben. Sie gehorchen Formen wie: \u00abWenn A und B vorliegt, so w\u00e4hle B\u00bb oder \u00abGehe in dem Gitter zuerst nach links, dann nach rechts, dann wieder nach links\u00bb. Derartige Formulierungen lassen keine Zweifel offen und bieten keinen Interpretationsspielraum.<\/p>\n<p>Nicht so der zweite Typ Regel von GTTM. Diese Regeln sind eher eine Art mehr oder weniger gewichtige Hinweise oder Empfehlungen von der Art: \u00abFalls A und B vorliegen und sonst nichts dagegen spricht, dann ziehe A vor\u00bb oder \u00abGehe in dem Gitter, wenn es sich einfach machen l\u00e4sst, zuerst nach links und dann nach rechts.\u00bb Weil sie auf Ermessensgr\u00fcnden und teilweise bloss empfehlenden Argumenten beruhen, werden sie als <em>Pr\u00e4ferenzregeln<\/em> bezeichnet. Eine Pr\u00e4ferenzregel gibt keine eindeutigen Kriterien mehr zur Anwendung, sondern gibt bloss Empfehlungen dar\u00fcber, welche Entscheidung je nach Situation vorzuziehen ist. In einfachen F\u00e4llen lassen sich aus Pr\u00e4ferenzregeln auch eindeutige Hinweise f\u00fcr eine Entscheidung ablesen. Wenn aber mehrere Pr\u00e4ferenzregeln zugleich angewendet werden k\u00f6nnen, dann ist es gut m\u00f6glich, dass diese unter Umst\u00e4nden in einem Konflikt miteinander stehenden Kriterien keine Eindeutigkeit mehr zulassen.<\/p>\n<p>Intuitiv sind Pr\u00e4ferenzregeln in der Musiktheorie ein grosser Fortschritt, weil sie die Vieldeutigkeit musikalischer Strukturen viel angemessener abbilden k\u00f6nnen als die traditionellen starren Regelwerke.<\/p>\n<p>Einige Beispiele zu Pr\u00e4ferenzregeln f\u00fcr Gruppenstrukturen in GTTM:<\/p>\n<ul>\n<li>Vermeide Analysen mit sehr kleinen Gruppen \u2013 je kleiner, umso weniger empfehlenswert.<\/li>\n<li>Bevorzuge Gruppenanalysen, die es so weit wie m\u00f6glich erlauben, eine Gruppe in zwei gleich lange Untergruppen zu unterteilen.<\/li>\n<li>Falls zwei Musiksegmente einen parallelen Verlauf haben, so sollten sie in ihren jeweiligen Gruppen auch am gleichen Ort situiert werden.<\/li>\n<li>Bevorzuge Gruppenstrukturen, die zu m\u00f6glichst stabilen Zeitspannen- oder Prolongationsreduktionen f\u00fchren.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Pr\u00e4ferenzregeln beziehen ihre Kriterien unter anderem aus der Gestalttheorie, die in der kognitiven Psychologie eine wichtige Rolle spielt. Die Theorie geht zur\u00fcck auf die Werke der Psychologen Ernst Mach und Alexius Meinong, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts verfasst worden sind. Als Initialz\u00fcndung f\u00fcr die Entstehung gilt aber der Aufsatz \u00ab\u00dcber \u201aGestaltqualit\u00e4ten\u2019\u00bb<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> des Wieners Christian von Ehrenfels. Von Ehrenfels bezieht sich ausdr\u00fccklich auf die Musik. Eine Melodie, meint er, ist mehr als \u00abdie Summe ihrer einzelnen T\u00f6ne oder Intervalle\u00bb. Eine Melodie besitzt eine gewisse Gestalt, die auch bei der Transponierung nicht zerst\u00f6rt wird. Gestalten hingegen sind \u00abVorstellungsbilder\u00bb, und als solche das kreative Werk des Geistes.<\/p>\n<p>Die Gestalttheorie spaltet sich sp\u00e4ter in zwei Richtungen: die Berliner Schule, gepr\u00e4gt von den Arbeiten Max Wertheimers, Wolfgang K\u00f6hlers und Kurt Koffkas, zu denen auch der Carl-Stumpf-Assistent Erich von Hornbostel z\u00e4hlt, und die Leipziger Schule um Wilhelm Wundt.<\/p>\n<p>Max Wertheimer beschreibt 1912 das sogenannte Phi-Ph\u00e4nomen. Es handelt sich dabei um scheinbare Bewegung von in Wahrheit statischen Objekten. Wertheimer nutzt f\u00fcr die Demonstration das sogenannte Schumannsche Tachistoskop. Tachistoskope werden heute noch in der psychologischen Forschung verwendet. Sie projizieren f\u00fcr eine frei bestimmbare Zeit, die auch nur ein paar Millisekunden betragen kann, ein Bild.<\/p>\n<p>Wertheimer projiziert zwei Streifen alternierend parallel und orthogonal:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-144 aligncenter\" src=\"https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm4-300x60.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"60\" srcset=\"https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm4-300x60.jpg 300w, https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm4.jpg 370w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Der abwechselnd horizontal und vertikal<\/em><br \/>\n<em>pr\u00e4sentierte Streifen suggeriert Bewegung.<\/em><\/p>\n<p>Dabei stellt er fest, dass das Umschalten als Bewegung wahrgenommen wird. Die Resultate \u00fcbertr\u00e4gt er auf die Musik:<\/p>\n<blockquote><p>Zeigen sich so spezifische optische Phi-Ph\u00e4nomene, so sei erw\u00e4hnt, dass es in manchem Bezuge analoge Problemgebiete auch auf andern Sinnesgebieten gibt. So zeigt \u2013 z. B. \u2013 bei prinzipieller Verschiedenheit im akustischen Bereiche (&#8230;) die \u00abTonbewegung\u00bb als charakteristisches, gerichtetes Erlebnis, nicht statischer Art, einiges Verwandtes.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Man kann dies recht gut nachvollziehen, wenn man eine einfache Melodie betrachtet:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-145 aligncenter\" src=\"https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm5-300x40.jpg\" alt=\"\" width=\"473\" height=\"63\" srcset=\"https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm5-300x40.jpg 300w, https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm5-768x103.jpg 768w, https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm5.jpg 810w\" sizes=\"auto, (max-width: 473px) 100vw, 473px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Beginn der \u00abOde an die Freude\u00bb aus Beethovens 9. Sinfonie<\/em><\/p>\n<p>Faktisch handelt es sich dabei um einzelne statische Klangereignisse, die aber, als ob ein Film abgespult w\u00fcrde, eine Bewegung vorspiegeln:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-146 aligncenter\" src=\"https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm6-300x112.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"112\" srcset=\"https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm6-300x112.jpg 300w, https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gttm6.jpg 302w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00abOde\u00bb als Abfolge von Filmbildern<\/em><\/p>\n<p>Ein einziger Akteur bewegt sich dabei scheinbar nach oben und unten, das heisst, die einzelnen, zeitlich unterschiedenen T\u00f6ne werden identifiziert als verschiedene Zust\u00e4nde eines einzigen Objektes.<\/p>\n<p>Gestalttheoretische Prinzipien bilden akustische Analogien zu den entsprechenden Befunden beim Sehen. So zerfallen, wie K\u00f6hler und Co. festgestellt haben, etwa die folgenden Punkte f\u00fcr uns in der Wahrnehmung automatisch in zwei Gruppen, weil zwei von ihnen einen gr\u00f6sseren Abstand haben:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u00b0\u00b0\u00b0\u00a0\u00a0 \u00b0\u00b0\u00b0\u00b0<\/strong><\/p>\n<p>Die Pr\u00e4ferenzregeln von GTTM zur Gruppenbildung tragen solchen \u00abnat\u00fcrlichen\u00bb Tendenzen der Gruppierung Rechnung.<\/p>\n<p>GTTM bedient sich aber nicht nur der Resultate der Gestalttheoretiker. Das Buch wirft auch ein neues Licht auf die Ergebnisse Heinrich Schenkers. Die Autoren stellen fest, dass sie mit ihren Prolongationsanalysen tats\u00e4chlich sehr oft bei einer Reduktion landen, die dem Schenkerschen Ursatz entspricht, legen aber auch Beispiele vor, die \u2013 nach gesundem Menschenverstand \u2013 nicht einer Ursatz-Form entspringen. So passt sich etwa Chopins A-Dur-Pr\u00e4ludium aus op. 28 dem Ursatz nicht an. Das Pr\u00e4ludium reduziert sich auf eine Kette von V-I-Schritten, die sich nur mit viel Rhetorik (die dem rechthaberischen Schenker durchaus zuzutrauen gewesen w\u00e4re) in das I-V-I-Schema des Ursatzes pressen liessen.<\/p>\n<p>GTTM ist die subtilste und konsequenteste Theorie, die bis heute in bezug auf musikalisch-linguistische Strukturen vorgelegt worden ist. Es besteht durchaus Hoffnung, dass auf ihrer Basis ein solides Computermodell zur automatischen Analyse musikalischer Werke formuliert werden kann (wobei man sich fragen kann, was der Sinn eines solchen sein sollte). Es gibt aber auch Einw\u00e4nde. Einen der gewichtigsten k\u00f6nnte man als eine moderne Variante der Galilei-Falle bezeichnen: Das subtile Spannungs\/Entspannungs- und Gruppierungs-Gef\u00fcge fokussiert praktisch vollst\u00e4ndig auf einen melodischen Verlauf und l\u00e4sst sich nicht auf polyphone Gegebenheiten \u00fcbertragen. Das r\u00e4umen auch die Autoren ein: \u00abIn echt kontrapunktischer Musik gibt es einen wichtigen Sinn, in dem jede einzelne Linie ihre eigene, separate strukturelle Beschreibung haben sollte. Obwohl es prinzipiell m\u00f6glich ist, die Theorie zu simultanen strukturellen Beschreibungen zu erweitern, w\u00e4ren die formalen Komplikationen so enorm, dass sie die Darlegung anderer, vielleicht grundlegenderer Aspekte der musikalischen Struktur verschleiern w\u00fcrden.\u00bb<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Eine polyphone Erweiterung von GTTM wird zwar versprochen, ist bis heute aber nur fragmentarisch gestreift worden, zum einen von Fred Lehrdahl in seinem sp\u00e4teren Buch \u00abTonal Pitch Space\u00bb<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a>, zum andern von dessen Sch\u00fcler David Temperley in dem Buch \u00abThe Cognition of Basic Musical Structures\u00bb<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a>. Fred Lehrdahl erkl\u00e4rt heute<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a>, seine Interessen h\u00e4tten sich andern Bereichen zugewendet. Er gibt sich jedoch \u00fcberzeugt, dass die Formulierung einer die Polyphonie umfassenden Theorie \u2013 auch wenn sie schwierig sei \u2013 keine prinzipiellen Probleme stelle. Man kann da seine Zweifel haben, denn die Wechselwirkungen der unterschiedlichsten Faktoren m\u00fcssen dabei so subtil und komplex werden, dass man sie kaum mehr in den Griff bekommen d\u00fcrfte. Ob der menschliche Geist bei seinem Verstehen von Musik tats\u00e4chlich derartige Komplexit\u00e4ten ber\u00fccksichtigt, m\u00fcsste zudem zuerst einmal nachgewiesen werden.<\/p>\n<p>Weitere Einw\u00e4nde resultieren aus der Heterogenit\u00e4t des Rahmenwerkes. Zwei wesentliche Probleme stellen sich dabei:<\/p>\n<p>Problem Nummer eins: Wie Richard Cohn in einer Besprechung von GTTM in der Zeitschrift \u00abTheory Only\u00bb 8 (1985) festellt, haben die GTTM-Regeln einen zirkul\u00e4ren Charakter. Man betrachte dazu die oben erw\u00e4hnte Pr\u00e4ferenzregel f\u00fcr Gruppenstrukturen und eine weitere f\u00fcr die Zeitspannenreduktion, die sich in GTTM ebenfalls findet. Sie lautet folgendermassen:<\/p>\n<ul>\n<li>Bevorzuge eine Zeitspannenreduktion, die zu einer m\u00f6glichst stabilen metrischen Struktur f\u00fchrt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das heisst aber, dass die Gruppenstruktur unter Ber\u00fccksichtigung der Zeitspannenreduktion und die Zeitspannenreduktion wiederum unter Ber\u00fccksichtigung der Gruppenstruktur ermittelt wird. Das riecht nat\u00fcrlich stark nach einem verh\u00e4ngnisvollen Zirkel.<\/p>\n<p>Das zweite Problem ist im Wesen der Pr\u00e4ferenz angelegt \u2013 als Schwierigkeit, zuverl\u00e4ssig angeben zu k\u00f6nnen, welche Regel nun das gr\u00f6ssere Gewicht hat, wenn zwei Pr\u00e4ferenzregeln widerstreiten. Wie l\u00e4sst sich zum Beispiel harmonische Energie gegen Gestaltwahrnehmung gewichten? Die Entscheidung dar\u00fcber ist in vielen F\u00e4llen eine intuitive, und genau das \u2013 intuitive Analysen \u2013 wollte GTTM urspr\u00fcnglich aus der Welt schaffen<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a>.<\/p>\n<p>Einen Versuch, sich dem Prozess des H\u00f6rens noch mehr zu n\u00e4hern, hat Ray Jackendoff in einem sp\u00e4teren Artikel gemacht<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a>. Er stellt sich darin die Frage, inwieweit die Theorie tats\u00e4chlich etwas dar\u00fcber aussagt, was beim Musikh\u00f6ren und Musikverstehen im menschlichen Hirn vorgeht. Jackendoff will darin zeigen, dass Musik auf eine Art verstanden wird, die derjenigen der Sprache parallel ist: Die im Hirn eintreffende Musik wird von einem modularen \u00abProzessor\u00bb abgearbeitet und interpretiert (\u00abgeparst\u00bb wie der Linguist sagt).<\/p>\n<p>Eine Theorie der musikalischen Wahrnehmung \u2013 meint Jackendoff \u2013 sollte Folgendes umfassen:<\/p>\n<ol>\n<li>Eine Beschreibung der abstrakten Strukturen, die dem H\u00f6rer zur Verf\u00fcgung stehen.<\/li>\n<li>Eine Beschreibung der Prinzipien, \u00fcber die ein H\u00f6rer verf\u00fcgt, um die abstrakten Strukturen Musik zuordnen zu k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Eine Beschreibung der Art, wie ein H\u00f6rer die Prinzipien in Echtzeit verwendet, um aus der geh\u00f6rten Musik abstrakte Strukturen abzuleiten.<\/li>\n<li>Eine Beschreibung der Geistesstrukturen (\u00abfacilities in the mind\u00bb), in denen solche Ableitungen durchgef\u00fchrt werden.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Laut Jackendoff umfasst GTTM die Punkte 1 und 2 dieser Liste.<\/p>\n<p>In dem Artikel stellt Jackendoff zum Punkt 3 folgende These auf:<\/p>\n<p>Der Prozessor im Hirn erw\u00e4gt bei der Echtzeitanalyse von Musik mehrere m\u00f6gliche Analysen parallel, und zwar solange, bis sich eine davon als einzig m\u00f6gliche herausstellt.<\/p>\n<p>Die These macht mehrere Voraussetzungen. Zum ersten \u00fcbertr\u00e4gt sie das Modell des linguistischen Parsers auf das Analysieren und Verstehen von Musik. Zwei Alternativen zu der parallelen Ermittlung von Analysen schliesst Jackendoff aus. Eine Alternative w\u00e4re, dass bloss eine (die plausibelste) Analyse durchgef\u00fchrt wird, und zwar so lange, bis sie derart an Plausibilit\u00e4t verliert, dass sie zugunsten einer andern fallengelassen wird. Jackendoff meint, dass damit zu Beginn aber bereits mehrere Analysen vorliegen m\u00fcssten, aus denen der Parser eine w\u00e4hlen k\u00f6nnte. Zudem w\u00fcrde der Parser im Falle des Scheiterns der Analyse wieder an den Beginn zur\u00fcckgehen, um eine neue Analyse zu beginnen. Da dies in Echtzeit geschieht, w\u00fcrde das musikalische Geschehen aber weiterlaufen, und der Parser im Hirn m\u00fcsste sowohl das bereits Analysierte noch einmal analysieren als auch zus\u00e4tzlich das aktuelle musikalische Geschehen in Betracht ziehen. Dies m\u00fcsste sehr schnell zu einer \u00dcberlastung des Parsers f\u00fchren.<\/p>\n<p>Eine zweite Alternative w\u00e4re, dass der Parser die Analyse so lange offenl\u00e4sst, bis er zu einem Punkt gelangt, an dem das musikalische Geschehen eine eindeutige Interpretation zul\u00e4sst. Jackendoff nennt dies das seriell-indeterministische Modell. Seine Einw\u00e4nde dagegen: Um im Moment der Eindeutigkeit die richtige Analyse zu applizieren, muss der Parser bereits alle Analysen zur Verf\u00fcgung haben. Dies jedoch weist Jackendoff ins Reich der Wahrsagerei:<\/p>\n<blockquote><p>Es ist bloss ein frommer Wunsch anzunehmen, dass die korrekte Analyse irgendwie wunderbarerweise \u00abauftaucht\u00bb, wenn sich genug Beweise daf\u00fcr angesammelt haben. Wenn wir die Prinzipien der korrekten Analyse in der Sprache der Informationsverarbeitung erkl\u00e4ren wollen, so ist es notwendig, dass der Parser mehrere in Frage kommende Analysen formuliert, aus denen die korrekte gew\u00e4hlt werden kann. Ist dies nicht der Fall, dann behauptet man, dass der Geist dies im Grunde genommen auf magische Art tut \u2013 das heisst, wir verneinen eine rationale Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Ein zweites Problem mit dieser Art von Parser ist, dass sie die falsche Art von Voraussagen \u00fcber die Beschaffenheit musikalischer Erfahrung macht; sie suggeriert, dass wir (&#8230;) \u00fcberhaupt keine metrische Struktur erfahren [solange diese nicht eindeutig ist], weil der Parser bis dann \u00fcberhaupt keine w\u00e4hlt. Dies ist offensichtlich falsch: wir haben eindeutig eine metrische Intuition, lange bevor wir f\u00fcr diese endg\u00fcltige Beweise haben.<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Die parallele Analyse der These, die Jackendoff favorisiert, st\u00f6sst auf Schwierigkeiten, die er selber offenbar \u00fcbersieht. Jackendoff geht n\u00e4mlich davon aus, dass immer eine endliche, prinzipiell bekannte Menge von Analysen zur Auswahl steht. Er vergleicht dies auch mit der Analyse von mehrdeutigen W\u00f6rtern in S\u00e4tzen, etwa \u00abBank\u00bb, was eine Sandbank im Fluss, eine Sitzgelegenheit oder ein Finanzinstitut sein kann. Der H\u00f6rer hat in diesem Fall, wie Experimente bewiesen haben, alle m\u00f6glichen Bedeutungen pr\u00e4sent, bis sich eine davon als die richtige herausstellt.<\/p>\n<p>Dummerweise gibt es in der Sprache aber auch Satzanf\u00e4nge, die eine unbestimmte und undefinierte Menge an Analysen zulassen. Wir Deutschsprachige k\u00f6nnen dank der Satzklammer ein Lied davon singen:<\/p>\n<p>Ich habe gestern, in Gedanken versunken, mein Brot &#8230;<\/p>\n<p>Ja was denn nun? &#8230;zu fr\u00fch gegessen? &#8230;eingepackt? &#8230;einem Kind geschenkt? &#8230;einem Pferd verf\u00fcttert? &#8230;auf den Mond geschossen?<\/p>\n<p>Auch wenn wir nicht wissen, wie der Satz enden wird und wir gar nicht wissen k\u00f6nnen, aus welchen Analysen wir \u00fcberhaupt w\u00e4hlen sollten, interpretieren wir die vorhandenen Teile bereits. Da die konstruktiven Regeln in der Musik bis zu einem gewissen Grad der Beliebigkeit unterliegen, haben wir es da mit einer \u00e4hnlichen Situation zu tun: Wir verf\u00fcgen unter Umst\u00e4nden \u00fcber keine eindeutige und bekannte Menge an Analysen. Derartige \u00dcberlegungen k\u00f6nnen dazu f\u00fchren, dass man die Konzeption von GTTM <em>als Modell der menschlichen Kognition<\/em> grunds\u00e4tzlich ablehnt. Die Verdienste der beiden Autoren bleiben hingegen unbestritten, wenn man sieht, auf welch subtile Art GTTM es erlaubt, musikalische Strukturen zu analysieren.<\/p>\n<p>GTTM ist \u00fcber alles gesehen die Vollendung der musikalisch-grammatischen Metapher der Musik und zugleich deren Aufl\u00f6sung. Die konsequente Anwendung grammatikalischer Rahmentheorien f\u00fchrt n\u00e4mlich dazu, dass die Sprachmetapher als solche schliesslich transzendiert wird. Die Grammatikmetapher kommt bloss noch in Form von Jargon zum Zuge. Wenn Lerdahl und Jackendoff Musik und musikalische Strukturen informell beschreiben, so tun sie dies vornehmlich mit Begriffen, die eher aus der Physik und Raumlehre entlehnt sind: Melodien gehen aufw\u00e4rts und abw\u00e4rts, es existieren Gravitationszentren und Energien, und allerlei Kr\u00e4fte sind im Spiel.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> erschienen 1957 als Noam Chomsky, <em>Syntactic Structures<\/em>, bei Mouton in Den Haag<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Zellig Harris, <em>Methods in Structural Linguistics<\/em>, University of Chicago Press, Chicago 1951<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Noam Chomsky, <em>Aspects of the Theory of Syntax<\/em>, MIT Press, Cambridge, Mass. 1965<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Leonard Bernstein, <em>The Unanswered Question, Six Talks at Harvard<\/em>, Harvard University Press, Cambridge (Mass.) 1976. Die Zitate hier entstammen der Taschenbuchversion der dt. \u00dcbersetzung: Leonard Bernstein, <em>Musik \u2013 die offene Frage<\/em>, Vorlesungen an der Harvard-Universit\u00e4t, Wilhelm Goldmann Verlag, M\u00fcnchen 1981.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> a.a.O., Seiten 16f<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> a.a.O., Seite 97<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Mit strategisch verwendeten Beispielen ist es so eine Sache: Jede philosophische und linguistische Schule hat ein solches, das unweigerlich zum Markenzeichen wird. F\u00fchrt ein Philosoph \u00abder gegenw\u00e4rtige K\u00f6nig von Frankreich\u00bb als Beispiel an, outet er sich unweigerlich als Russell-Sch\u00fcler oder -Kritiker; jeder Wahrheitstheoretiker, der etwas auf sich h\u00e4lt, er\u00f6rtert die triviale Behauptung \u00abSchnee ist weiss\u00bb, die in einem epochemachenden Artikel von Alfred Tarski zerpfl\u00fcckt wird; wird \u00fcber Sinn und Bedeutung diskutiert, m\u00fcssen \u2013 Gottlieb Frege sei Dank \u2013 Morgenstern, Abendstern und Venus den Kopf hinhalten, f\u00fcr die Linguisten sind Jill und Jack die besten Vertrauten, und Kryptographen sprechen von praktisch nichts anderem als von Alice und Bob (und ab und zu von Eve). Eine generative Theorie der Musik positioniert sich untr\u00fcglich, sobald Mozarts g-Moll-Sinfonie KV 550, ins Spiel gebracht wird \u2013 eben dank Bernsteins zweiter Norton Lecture in Harvard.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> a.a.O., Seiten 116\/117)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Fred Lerdahl und Ray Jackendoff, <em>A Generative Theory of Tonal Music<\/em>, MIT Press, Cambridge (Mass.) 1983, in der Folge als \u00abGTTM\u00bb bezeichnet.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> GTTM, ix, \u00dcbersetzung Wolfgang B\u00f6hler<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Ir\u00e8ne Deli\u00e8ge, \u00abGrouping Conditions in Listening to Music: An Approach to Lerdahl and Jackendoff&#8217;s Grouping Preference Rules\u00bb, Music Perception 4\/1987, Seiten 325-360.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Christian von Ehrenfels, \u00ab\u00dcber \u201aGestaltqualit\u00e4ten\u2019\u00bb, Vierteljahresschriften f\u00fcr Wissenschaften und Philosophie 1890\/3, Seiten 249-299.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Max Wertheimer, \u00abExperimentelle Studien \u00fcber das Sehen von Bewegung\u00bb, in: Zeitschrift f\u00fcr Psychologie 61 (1912), Seite 223<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> GTTM, Seite 116<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Fred Lerdahl, <em>Tonal Pitch Space<\/em>, Oxford University Press, Oxford 2001<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> David Temperley, <em>The Cognition of Basic Musical Structures<\/em>, MIT Press, Cambridge (Mass.) 2001<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Pers\u00f6nliche Mitteilung<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Lehrdahl stellt sich heute auf den Standpunkt, dass diese Gewichtungen eine nat\u00fcrliche Folge der kognitiven Rahmentheorie sind und keine prinzipielle Schw\u00e4che der Theorie darstellen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Ray Jackendoff, \u00abMusical Parsing and Musical Affect\u00bb, Music Perception 9 (1991), Seiten 199 \u2013 230<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> a.a.O., Seite 139<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schenkers Ideen fanden \u00fcber den popul\u00e4rsten Dissidenten und \u00fcber den r\u00fchrigsten Dirigenten und Komponisten Amerikas, \u00fcber Noam Chomsky und Leonard Bernstein, den Weg in die moderne Musiklinguistik. Noam Chomsky entwickelte am Massachusetts Institute of Technology in den 1950er- und 1960er-Jahren eine linguistische Theorie, welche den in Amerika allgemein vorherrschenden Behaviorismus in den Grundfesten ersch\u00fcttern sollte. Die Grundlagen dazu hatte er 1955 bereits mit seiner Dissertation gelegt[1]. Chomsky w\u00e4chst in einem linguistischen Umfeld auf, das von dem epochalen Werk Methods in Structural Linguistics (1951)[2] seines akademischen Lehrers Zellig Harris bestimmt wird. Der Sohn j\u00fcdisch-russischer Eltern mit Wurzeln in der Ukraine verbindet den amerikanischen Deskriptivismus, der linguistische Forschung auf die systematische Beschreibung \u00e4usserlicher sprachlicher Formen begrenzt, mit mathematischen Regelwerken und Elementen der<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-140","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/140","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=140"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/140\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":349,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/140\/revisions\/349"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=140"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}