{"id":206,"date":"2018-07-25T14:05:32","date_gmt":"2018-07-25T14:05:32","guid":{"rendered":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=206"},"modified":"2018-07-25T14:05:32","modified_gmt":"2018-07-25T14:05:32","slug":"bedeutungstheorien","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=206","title":{"rendered":"Bedeutungstheorien"},"content":{"rendered":"<p>Mitten in die hohe Zeit der Romantik und Gef\u00fchls\u00e4sthetik f\u00e4llt die Schrift eines Wiener Musikprofessors, die sich heute noch \u00fcberaus modern liest und m\u00f6glicherweise \u00fcberhaupt etwas vom Besten ist, was die \u00c4sthetik des 19. Jahrhunderts zustande gebracht hat: Eduard Hanslicks \u00abVom Musikalisch-Sch\u00f6nen\u00bb.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Hanslick (1825 \u2013 1904) ist \u00fcberdies ein Beispiel daf\u00fcr, wie relativ Klassifikationen wie \u00abkonservativ\u00bb und \u00abmodern\u00bb sein k\u00f6nnen. Seiner Zeit galt der in Prag geborene, mit spitzer Feder schreibende Polemiker als Konservativer, der sich an die Klassiker hielt, Brahms verehrte und die damalige Moderne dezidiert ablehnte. Liest man die kleine Schrift heute, so mutet sie von der Methode und den Inhalten her jedoch \u00fcberaus modern an: Der \u00dcberschw\u00e4nglichkeit und Beliebigkeit des damaligen musikalischen Denkens setzte Hanslick eine n\u00fcchterne Analyse der Begrifflichkeit entgegen. Sie wirkt wie eine Vorank\u00fcndigung der ganz grossen Zeit Wiens anfangs des 20. Jahrhunderts. Sie f\u00fchrt den pragmatisch-scharfsinnigen Ansatz Hanslicks in den Werken Freuds, Musils, Wittgensteins, Kraus\u2019 und vielen andern konsequent weiter.<\/p>\n<p>Ironischerweise stimmt Hanslick ins Klagelied des Vorvaters seiner am meisten bek\u00e4mpften musikalischen Ideologien ein, in Kants Klage \u00fcber die musikalischen Bel\u00e4stigungen in den entstehenden Grossst\u00e4dten:<\/p>\n<blockquote><p>Es war eine angeblich \u00abruhige\u00bb, etwas enge Gasse, in welcher ich vor einigen Jahren das Gl\u00fcck hatte, ein clavierfreies Haus zu bewohnen. Aber mir gegen\u00fcber st\u00fcrmten aus drei Stockwerken alle b\u00f6sen Geister zu den stets offenen Fenstern heraus. W\u00e4hrend im ersten Stock mehrere musikalische Schwestern von schwachem Geh\u00f6r und stets verstimmtem Clavier Beethoven, Strau\u00df, Offenbach und Chopin durch einander sch\u00fcttelten, blutete \u00fcber ihnen ein junges Opfer musikalischer Dressur stundenlang unter Tonleitern und Uebungen. Am fr\u00fchesten begann die Sopran-Dame im dritten Stock ihr Tagwerk mit italienischen Arien aus \u00abLucia\u00bb und der \u00abNachtwandlerin\u00bb. Es schien ihr Appetit zum Fr\u00fchst\u00fcck zu machen, wir Anderen verdienten keine R\u00fccksicht und Donizetti war ja l\u00e4ngst todt. So ging es des Morgens. Der Abend pflegte im ansto\u00dfenden Hause durch vierh\u00e4ndiges Abschlachten altersschwacher Ouvert\u00fcren gefeiert zu werden.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Hanslick gilt als einer der bedeutendsten Musikkritiker seiner Zeit. Sein Lieblingsfeind ist Richard Wagner, der ihm aus Wut \u00fcber die verweigerte Gefolgschaft in der Oper \u00abDie Meistersinger von N\u00fcrnberg\u00bb in der Figur des bornierten Kritikers Beckmesser ein Denkmal setzen wollte. Im Entwurf des \u00abMeistersinger\u00bb-Librettos von 1861 tr\u00e4gt Beckmesser sogar noch den Namen \u00abVeit Hanslich\u00bb, erst sp\u00e4ter hat Wagner den Bezug etwas anonymisiert. Auch heute noch spricht gerne von Beckmesserei, wer einen kleingeistigen, n\u00f6rgelnden Kritiker meint. Und da sich das Publikum gerne mit seinen scheinbar angefeindeten Helden identifiziert, wird Hanslick nach wie vor \u2013 v\u00f6llig zu Unrecht \u2013 in diese Ecke gedr\u00e4ngt. Gelesen wird er \u2013 leider \u2013 kaum, obwohl sich dies lohnen w\u00fcrde; auch \u00fcber Wagner hat er sich n\u00e4mlich \u00e4usserst differenziert und verst\u00e4ndig ge\u00e4ussert.<\/p>\n<p>Hanslick beginnt seine Darlegungen damit, dass er zun\u00e4chst einmal die elementaren Begriffe zu kl\u00e4ren versucht. Am meisten st\u00f6sst ihm auf, dass der Begriff Empfindung vieldeutig gebraucht wird (dies ist \u00fcbrigens noch heute der Fall). \u00abEmpfindung\u00bb wird, so meint er, st\u00e4ndig mit \u00abGef\u00fchl\u00bb verwechselt. Dabei sei es verst\u00e4ndlicher, wenn man dem Ausdruck Empfindung bloss die Bedeutung von \u00abWahrnehmen einer bestimmten Sinnesqualit\u00e4t\u00bb gibt. Die Empfindung ist also, was unsere Sinnesorgane aufnehmen, das Gef\u00fchl im Gegensatz dazu \u00abdas Bewusstwerden einer F\u00f6rderung oder Hemmung unseres Seelenzustandes\u00bb, das heisst, die Wahrnehmung einer inneren emotionalen Regung. Ein Gef\u00fchl ist bloss die Folge einer Wahrnehmung. So <em>empfinden<\/em> wir etwa ein gleissendes Licht, das in uns das <em>Gef\u00fchl<\/em> von Unwillen erweckt. Gef\u00fchl grenzt Hanslick \u00fcbrigens auch noch gegen den Affekt ab. Das erste ist die \u00abchronische Form\u00bb der Stimmung, also eine emotionale Grundstimmung, der Affekt dagegen eine \u00abacute\u00bb, also ein sich momentan aktiv \u00e4usserndes wie etwa eine Zornesregung in Form von Aufbrausen, oder ein Mitleid, das sich als momentane Ergriffenheit \u00e4ussert.<\/p>\n<p>Dann schreitet Hanslick zu einer radikalen Demontage der g\u00e4ngigen \u00e4sthetischen Auffassung:<\/p>\n<blockquote><p>F\u00fcrs erste wird als Zweck und Bestimmung der Musik aufgestellt, sie solle Gef\u00fchle, oder \u00absch\u00f6ne Gef\u00fchle\u00bb erwecken. F\u00fcrs Zweite bezeichnet man die Gef\u00fchle als den Inhalt, welchen die Tonkunst in ihren Werken darstellt.<\/p>\n<p>Beide S\u00e4tze haben das \u00c4hnliche, dass der eine genau so falsch ist wie der andere.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Das Sch\u00f6ne wird nicht vom Gef\u00fchl wahrgenommen, erkl\u00e4rt Hanslick, sondern von der Phantasie. Unter dem etwas vagen Begriff versteht er die \u00abT\u00e4tigkeit des reinen Schauens\u00bb, also eine intellektuelle Sicht des Wahrgenommenen. Das Tonkunstwerk ist ein Produkt der Phantasie des Komponisten und wird auch wieder von dieser verstanden. Die Phantasie schaut nun nicht bloss, sondern sie schaut mit Verstand, das heisst, das Verstehen von Musik ist eine Kombination aus Empfindung und intellektueller Verarbeitung oder \u00abVorstellen und Urteilen\u00bb, wie Hanslick dies in der philosophischen Terminologie seiner Zeit ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Wird nun schon mit dem Ausdruck Empfindung Schindluderei betrieben, so noch viel mehr mit demjenigen des gef\u00fchlsm\u00e4ssigen Inhaltes, etwa wenn von der Musik als einer Sprache der Gef\u00fchle die Rede ist. Man m\u00fcsse nicht einmal kulturelle Unterschiede zu Rate ziehen, spottet Hanslick, um den Unsinn einer solchen Behauptung zu sehen. Schon ein europ\u00e4isches Publikum sei sich vollkommen uneinig dar\u00fcber, ob jetzt eine Beethoven-Sinfonie h\u00f6chste Regungen weckt oder bloss \u00abschwerf\u00e4llige Verstandesmusik\u00bb sei. Zudem sind die Gef\u00fchle, die man aus einem Musikst\u00fcck herauszuh\u00f6ren glaubt, von momentanen Stimmungen abh\u00e4ngig. Mit Genuss zieht Hanslick gegen die uns\u00e4glichen Titel von Salonklavierst\u00fccken vom Leder, die etwa mit \u00abSehnsucht nach dem Meer\u00bb, \u00abAbend vor der Schlacht\u00bb oder \u00abSommertag in Norwegen\u00bb \u00fcbertitelt sind. Kennzeichnungen, die allesamt austauschbar bleiben. Hanslicks Verdikt: Die Wirkung der Musik auf das Gef\u00fchl besitzt \u00abweder die Notwendigkeit, noch die Stetigkeit, noch endlich die Ausschliesslichkeit, welche eine Erscheinung ausweisen m\u00fcsste, um ein \u00e4sthetisches Prinzip begr\u00fcnden zu k\u00f6nnen.\u00bb<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Wenn die Gef\u00fchle aber nicht der eigentliche Inhalt der Musik sind, was ist es dann? fragt sich Hanslick als n\u00e4chstes.<\/p>\n<p>In vielen verk\u00fcrzten Darstellungen des hanslickschen Formalismus wird behauptet, dass dieser der Musik jegliche expressive F\u00e4higkeiten abstreite. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Die Ablehnung der Theorie von der Musik als Sprache der Gef\u00fchle geschieht bei Hanslick vielmehr auf eine Weise, die modern anmutet, weil sie \u00fcber weite Strecken in eine subtile Sprachkritik gekleidet wird. Man spreche davon, erkl\u00e4rt er, dass Musik das \u00abFl\u00fcstern der Z\u00e4rtlichkeit\u00bb oder das \u00abSt\u00fcrmen der Kampfeslust\u00bb bedeute und f\u00fcgt sogleich hinzu, dass man diese Metaphern auftrennen m\u00fcsse, um zum wirklichen Sachverhalt zu gelangen. Musik sei zwar in der Lage, zu fl\u00fcstern oder zu st\u00fcrmen, jedoch eben nicht in der konkreten Form der <em>Z\u00e4rtlichkeit<\/em> oder des St\u00fcrmens der <em>Kampfeslust. <\/em>Die Musik kann fl\u00fcstern, st\u00fcrmen, rauschen, die Darstellung eines bestimmten Gef\u00fchls oder Affektes liegt allerdings ausserhalb ihrer M\u00f6glichkeiten. Ein bestimmtes Gef\u00fchl kommt n\u00e4mlich \u00abauf Grundlage einer Anzahl \u2013 im Momente starken F\u00fchlens vielleicht unbewusster \u2013 Vorstellungen und Urteile\u00bb zustande.<\/p>\n<p>So ist zum Beispiel die Hoffnung eine Verbindung aus einer Vorstellung eines kommenden gl\u00fccklichen Zustandes, der mit dem gegenw\u00e4rtigen verglichen wird. Dabei wird ein Urteil gef\u00e4llt: Der gegenw\u00e4rtige ist noch nicht wie der kommende. Erst dieser \u00abGedankenapparat\u00bb erm\u00f6glicht konkrete Gef\u00fchle. Ohne diesen bleibt nur ein allgemeines, eben unbestimmtes Wohlbefinden oder Missbehagen. Von den Gef\u00fchlen kann die Musik also nur den \u00abdynamischen\u00bb Anteil darstellen, Momente wie schnell, langsam, stark, schwach, steigend, fallend, die nur eine Eigenschaft, ein Moment des Gef\u00fchls bilden und nicht dieses selbst.<\/p>\n<p>Damit stellt Hanslick auch die popul\u00e4re Ansicht auf den Kopf, dass die Musik zwar keine Gegenst\u00e4nde darstellen k\u00f6nne, wohl aber die damit verbundenen Gef\u00fchle. Gerade das Gegenteil sei der Fall, betont er. Gegenst\u00e4nde k\u00f6nnen in ihrer physikalischen Erscheinungsform nachgeahmt werden, aber gerade die damit verbundenen konkreten Gef\u00fchle sind ausserhalb der deskriptiven M\u00f6glichkeiten der Tonkunst.<\/p>\n<p>Ideen hingegen kann die Musik zum Ausdruck bringen, erkl\u00e4rt Hanslick. Wobei wiederum die Untersuchung der Sprache dazu verhilft, genau einzugrenzen, welche Art von Ideen. Es sind alle diejenigen, die \u00abauf h\u00f6rbare Ver\u00e4nderungen der Zeit, der Kraft, der Proportion sich beziehen, also die Idee des Anschwellens, des Absterbenden, des Eilens, Z\u00f6gerns, des k\u00fcnstlich Verschlungenen, des einfach Begleitenden\u00bb und so weiter. Weitere Adjektive, die Hanslick zur Beschreibung von Musik zul\u00e4sst, sind anmutig, sanft, heftig, kraftvoll, zierlich, frisch, das heisst alle, die eine Tonverbindung bezeichnen, welche eine entsprechende sinnliche Erscheinung finden k\u00f6nnen. Die Ideen, die sich daraus bilden lassen, sind \u00abvor allem und zuerst rein musikalische\u00bb.<\/p>\n<p>Im Anschluss an diese Er\u00f6rterungen skizziert Hanslick das Material der Musik, aus dem musikalische Strukturen gebaut werden:<\/p>\n<blockquote><p>Das Urelement der Musik ist Wohllaut, ihr Wesen Rhythmus. Rhythmus im Grossen, als die \u00dcbereinstimmung eines symmetrischen Baues, und Rhythmus im Kleinen, als die wechselnd-gesetzm\u00e4ssige Bewegung einzelner Glieder im Zeitmass. Das Material, aus dem der Tondichter schafft, und dessen Reichtum nicht verschwenderisch genug gedacht werden kann, sind die gesammten T\u00f6ne, mit der in ihnen ruhenden M\u00f6glichkeit zu verschiedener Melodie, Harmonie und Rhythmisierung. Unausgesch\u00f6pft und unersch\u00f6pflich waltet vor allem die Melodie, als Grundgestalt musikalischer Sch\u00f6nheit; mit tausendfachem Verwandeln, Umkehren, Verst\u00e4rken bietet ihr die Harmonie immer neue Grundlagen; diese vereint bewegt der Rhythmus, die Pulsader musikalischen Lebens, und f\u00e4rbt der Reiz mannigfaltiger Klangfarben.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Aus diesem Material schafft der Komponist \u00abmusikalische Ideen\u00bb. Daraus wiederum folgt die ber\u00fchmt gewordene Charakterisierung Hanslicks:<\/p>\n<blockquote><p>T\u00f6nend bewegte Formen sind einzig und allein Inhalt und Gegenstand der Musik.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Die logische Folge davon ist, dass der Komponist sich w\u00e4hrend des Schreibens von Musik nicht von seinen Gef\u00fchlen leiten l\u00e4sst, sondern von seiner Fantasie, dass er wie der Bildhauer aus rohem Material mit viel Detailarbeit feine Strukturen herausarbeitet und perfektioniert. Auch wenn es seltene Momente gebe, in denen tats\u00e4chlich der Affekt die grundlegende Inspiration f\u00fcr ein Motiv oder eine musikalische Passage biete, so entledige sich die Musik dieser in dem Moment, in dem sie zu sich selber finde und Struktur werde. Auch hier wieder legt Hanslick den Akzent auf die Art und Weise, wie wir \u00fcber Musik sprechen. Man k\u00f6nne, meint er, von einem Thema durchaus sagen, es klinge stolz oder tr\u00fcbe, nicht aber, dass es Ausdruck der stolzen oder tr\u00fcben Gef\u00fchle <em>des Komponisten<\/em> sei. Das heisst, die affektive Ausdruckshaftigkeit der Musik ist dieser nicht zugrunde gelegt und bildet nicht die eigentliche Botschaft einer Komposition. Sie ist bloss eine Folge davon.<\/p>\n<p>Dass wir Musik als spontane gef\u00fchlsm\u00e4ssige \u00c4usserung verstehen, streitet Hanslick keineswegs ab. Diese Spontaneit\u00e4t ist aber eben nicht das, was der Komponist in sie hineinlegt. Der \u00abAct, in welchem die unmittelbare Ausstr\u00f6mung eines Gef\u00fchls in T\u00f6nen vor sich gehen kann, ist nicht sowohl die Erfindung eines Tonwerkes, als vielmehr die Reproduktion desselben\u00bb<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>, das heisst ein Kennzeichen der Auff\u00fchrung<\/p>\n<p>Was dem Komponisten versagt ist \u2013 die spontane und direkte gef\u00fchlsm\u00e4ssige \u00c4usserung \u2013 bleibt ein Privileg des Interpreten. Dem Spieler ist es verg\u00f6nnt, \u00absich des Gef\u00fchls, das ihn eben beherrscht, unmittelbar durch sein Instrument zu befreien und in seinen Vortrag das wilde St\u00fcrmen, das sehnliche Ausbrennen, die heitere Kraft und Freude seines Innern zu hauchen.\u00bb<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Dies hat auch damit zu tun, das der Interpret im Gegensatz zum Komponisten die Musik aus dem Moment heraus (in moderner Computersprache w\u00fcrden wir \u00abin Echtzeit\u00bb sagen) erschafft und zu Leben erweckt.<\/p>\n<p>Auch dass der H\u00f6rer von Musik zutiefst ergriffen, ja ersch\u00fcttert werden kann, streitet Hanslick keineswegs ab. Er fragt sich jedoch, wie diese Gef\u00fchlsregungen zu andern stehen und inwieweit die R\u00fchrung des Gem\u00fcts des H\u00f6rers von \u00e4sthetischer Relevanz ist. Und da glaubt man, fast ein wenig von der Willens\u00e4sthetik Schopenhauers nachklingen zu h\u00f6ren, wenn Hanslick meint, dass die andern K\u00fcnste \u00fcberreden w\u00fcrden, die Musik jedoch unmittelbar in unser Gef\u00fchlserleben eindringe.<\/p>\n<p>Die Ergriffenheit des H\u00f6rers erkl\u00e4rt Hanslick im Sinn und Geist der zu seiner Zeit aufkommenden naturwissenschaftlichen Psychologie und Physiologie als eine Reaktion der von den T\u00f6nen angeregten Nerven, also als Folge eines physiologischen Vorganges. Allerdings wendet er sich ausdr\u00fccklich gegen ein simples Reiz-Reaktions-Modell. Simple Reize, betont er, seien noch keineswegs Musik und k\u00f6nnen die Wirkung der Tonkunst auf die Nerven deshalb auch nicht erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Um zu sehen, was bei der Regung des Gef\u00fchls durch Musik wirklich abl\u00e4uft, f\u00fchrt Hanslick eine akribische Analyse des Vorganges durch, in der er auch auf das medizinische, anatomische und physiologische Wissen seiner Zeit zur\u00fcckgreift: Die T\u00f6ne treffen zuerst auf den Geh\u00f6rsnerv.<\/p>\n<p>Was dabei auf physikalischer und physiologischer Ebene genau geschieht, wie Luftschwingungen im Organ erkannt und \u00fcbersetzt werden, ist Sache der Physiologie. Wie nun die \u00abpercipierte (d. h. wahrgenommene) Tonreihe, Lust oder Unlust erzeugend, zum Gef\u00fchl wird\u00bb, ist ungekl\u00e4rt. Zwar gibt es direkte physiologische Reaktionen auf Musik, etwa, wenn wir zu Tanzmusik spontan die Beine zu bewegen beginnen. Das Problem stellt sich in seiner ganzen Komplexit\u00e4t jedoch auf drei Stufen: Zum ersten werden im physiologischen Apparat Klangereignisse wahrgenommen, die zweitens \u2013 und dies ist vermutlich auch immer noch eine physiologische Tatsache \u2013 als angenehm oder unangenehm oder sonstwie sinnlich-emotional gewichtet werden. Die grosse Frage ist aber, wie drittens diese gewichteten Klangereignisse den Eindruck von Trauer und Freude und so weiter machen k\u00f6nnen. R\u00e4tselhaft ist dies insbesondere, weil emotional-sinnlich gleich gewichtete Ereignisse gerade gegenteilige psychologische Effekte wachrufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hanslick stellt sich auf einen radikal skeptischen Standpunkt: Angesichts dessen, dass es der Physiologie noch nicht einmal m\u00f6glich ist, zu erkl\u00e4ren, weshalb wir weinen, wenn wir Schmerzen haben, oder lachen, wenn wir fr\u00f6hlich sind, k\u00f6nnen wir erst recht nicht erwarten, dass sie uns Anworten auf die noch viel komplexeren Fragen der gef\u00fchlsm\u00e4ssigen Reaktion auf Musik gibt. Sie bleiben vielmehr Teil einer der ganz grossen und nach wie vor ungekl\u00e4rten Fragen der Philosophie, derjenigen n\u00e4mlich vom Verh\u00e4ltnis von Leib und Seele.<\/p>\n<p>Bis in unsere Tage hat sich an dieser Fragestellung nicht viel ge\u00e4ndert. Und auch wenn wir \u00fcber zahlreiche physiologische Details besser Bescheid wissen als die Forscher von Hanslicks Zeit, stellt sich diese Frage heute noch genau so und genau im gleichen Sinn, wie sie Hanslick 1854 gestellt hat.<\/p>\n<p>Hanslick ist zudem Vorl\u00e4ufer einer Theorie, die im 20. Jahrhundert vom amerikanischen Musikpsychologen Leonard B. Meyer vorgelegt wird: die Theorie von Erwartung und Entt\u00e4uschung. Er schreibt dazu:<\/p>\n<blockquote><p>Der wichtigste Faktor in dem Seelenvorgang, welcher das Auffassen eines Tonwerks begleitet und zum Genusse macht, wird am h\u00e4ufigsten \u00fcbersehen. Es ist die geistige Befriedigung, die der H\u00f6rer darin findet, den Absichten des Komponisten fortw\u00e4hrend zu folgen und voran zu eilen, sich in seinen Vermutungen hier best\u00e4tigt, dort angenehm get\u00e4uscht zu finden. Es versteht sich, dass dieses intellektuelle Hin\u00fcber- und Her\u00fcberstr\u00f6men, dieses fortw\u00e4hrende Geben und Empfangen, unbewusst und blitzvoll vor sich geht. Nur solche Musik wird vollen k\u00fcnstlerischen Genuss bieten, welche dies geistige Nachfolgen, welches ganz eigentlich ein Nachdenken der Phantasie genannt werden k\u00f6nnte, hervorruft und lohnt.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Im letzten Kapitel des \u00abMusikalisch-Sch\u00f6nen\u00bb fasst der \u00c4sthetiker seine Theorie kurz zusammen und betont noch einmal, dass viele Konfusionen in der \u00c4sthetik aus einer Verwechslung der Begriffe resultiert. Verwechselt w\u00fcrden vor allem Inhalt, Gegenstand und Stoff. \u00abInhalt\u00bb definiert Hanslick als das, was \u00abein Ding enth\u00e4lt, in sich hat\u00bb<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>, bei der Musik sind dies also die T\u00f6ne, Kl\u00e4nge und Rhythmen. Damit unterscheidet sich seine Definition deutlich von einer modernen \u2013 gemeint sind die Bausteine und Konstruktionselemente. Dem, was wir heute als Inhalt bezeichnen w\u00fcrden, h\u00e4ngt er das Etikett \u00abGegenstand\u00bb an, womit der Stoff, das Sujet, das heisst dasjenige, wor\u00fcber die Musik sprechen w\u00fcrde, so sie denn k\u00f6nnte, gemeint ist. Einen solchen Gegenstand, bekr\u00e4ftigt er noch einmal, hat die Musik nicht.<\/p>\n<p>Was also wird in der Musik abgehandelt?<\/p>\n<p>Da nun zeigt sich Hanslick als Kind seiner Zeit, die ernstzunehmende Musik als Teil des klassisch-romantischen Formenkanons begreift. Die \u00ab\u00e4sthetisch nicht weiter teilbare, musikalische Gedankeneinheit jeder Komposition\u00bb ist das <em>Thema<\/em>. Im Thema sind Form und Inhalt identisch, das Thema ist sein eigener Inhalt. Wird ein Thema transponiert oder anders instrumentiert, dann \u00e4ndert es weder Form noch Inhalt, sondern bloss seine F\u00e4rbung. Mit seinem Schlusswort n\u00e4hert sich Hanslick jedoch beinahe wieder einer schopenhauerschen Konzeption an:<\/p>\n<blockquote><p>Durch tiefe und geheime Naturbeziehungen steigert sich die Bedeutung der T\u00f6ne hoch \u00fcber sie selbst hinaus und l\u00e4sst uns in dem Werke menschlichen Talents immer zugleich das Unendliche f\u00fchlen. Da die Elemente der Musik: Schall, Ton, Rhythmus, St\u00e4rke, Schw\u00e4che im ganzen Universum sich finden, so findet der Mensch wieder in der Musik das ganze Universum.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Das grundlegende Problem mit der ansonsten scharfsinnigen Theorie Hanslicks ist die Unm\u00f6glichkeit, das, was er \u00abPhantasie\u00bb nennt und das etwas rein Geistiges sein sollte, vom Gef\u00fchl und von der Empfindung zu trennen. Es ist auch nicht ganz zuf\u00e4llig, dass er den Begriff der \u00abPhantasie\u00bb nicht detaillierter analysiert. Denn eine rein geistige Konstruktion k\u00f6nnte nicht erkl\u00e4ren, wie viele \u00abrein strukturelle\u00bb Elemente der Musik zustande kommen. So gewichtet der Mensch Konsonanz und Dissonanz nicht aufgrund abstrakter Prinzipien und daraus abgeleiteter S\u00e4tze, sondern eben aufgrund der Empfindung, und H\u00f6hepunkte in der Musik werden als solche erlebt, wenn sie uns \u00abpacken\u00bb oder \u00abergreifen\u00bb, was ja auch Kategorien des Gef\u00fchls sind. Die \u00ababstrakten\u00bb musikalische Strukturen sind durch und durch verseucht mit Elementen der Wahrnehmung, der Empfindung, des F\u00fchlens, und eine scharfe Grenze zwischen diesen und der \u00abPhantasie\u00bb kann unm\u00f6glich gezogen werden.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Eduard Hanslick, <em>Vom Musikalisch-Sch\u00f6nen<\/em>, Literaturangabe, Leipzig 1854<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Eduard Hanslick, \u00abGemeine, sch\u00e4dliche und gemeinsch\u00e4dliche Klavierspielerei\u00bb; erschienen in: Eduard Hanslick, <em>Aus neuer und neuester Zeit. Der Modernen Oper IX. Theil. Musikalische Kritiken und Schilderungen,<\/em> Berlin 1900<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> a.a.O., Seite 3<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> a.a.O., Seite 9<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> a.a.O., Seite 32<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> a.a.O., Seite 32<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> a.a.O., Seite 57<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> a.a.O., Seite 57<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> a.a.O., Seite 78<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> a.a.O., Seite 96<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> a.a.O., Seite 104<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitten in die hohe Zeit der Romantik und Gef\u00fchls\u00e4sthetik f\u00e4llt die Schrift eines Wiener Musikprofessors, die sich heute noch \u00fcberaus modern liest und m\u00f6glicherweise \u00fcberhaupt etwas vom Besten ist, was die \u00c4sthetik des 19. Jahrhunderts zustande gebracht hat: Eduard Hanslicks \u00abVom Musikalisch-Sch\u00f6nen\u00bb.[1] Hanslick (1825 \u2013 1904) ist \u00fcberdies ein Beispiel daf\u00fcr, wie relativ Klassifikationen wie \u00abkonservativ\u00bb und \u00abmodern\u00bb sein k\u00f6nnen. Seiner Zeit galt der in Prag geborene, mit spitzer Feder schreibende Polemiker als Konservativer, der sich an die Klassiker hielt, Brahms verehrte und die damalige Moderne dezidiert ablehnte. Liest man die kleine Schrift heute, so mutet sie von der Methode und den Inhalten her jedoch \u00fcberaus modern an: Der \u00dcberschw\u00e4nglichkeit und Beliebigkeit des damaligen musikalischen Denkens setzte Hanslick eine n\u00fcchterne<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-206","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/206","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=206"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/206\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":207,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/206\/revisions\/207"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=206"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}