{"id":230,"date":"2018-07-25T17:02:16","date_gmt":"2018-07-25T17:02:16","guid":{"rendered":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=230"},"modified":"2018-07-25T17:02:16","modified_gmt":"2018-07-25T17:02:16","slug":"die-definition-von-musik","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=230","title":{"rendered":"Die Definition von \u00abMusik\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>Universalien und Definitionen sind zwei eng zusammengeh\u00f6rige Themen. Universalien sind Eigenschaften, die allen Elementen einer in Frage stehenden Menge zukommen. Sie entsprechen intuitiv dem, was in der mittelalterlichen Philosophie als notwendige Bedingungen bezeichnet wurden, das heisst als solche, ohne die ein Ding nicht gedacht werden kann. F\u00fcr eine Kuh ist es zum Beispiel eine notwendige Bedingung, zur Klasse der S\u00e4ugetiere zu geh\u00f6ren. Weiss man von einem Tier, dass es kein S\u00e4ugetier ist, so kann man auch mit Sicherheit sagen, dass es keine Kuh sein kann. Weil notwendige Bedingungen so eng mit dem zusammenh\u00e4ngen, was man umgangssprachlich das \u00abWesen\u00bb eines Dinges bezeichnet, spielen sie auch ein wichtige Rolle bei der Definition eines Dinges. Notwendige Bedingungen reichen allerdings nicht aus, um ein Ding <em>eindeutig<\/em> festzumachen (es gibt auch andere S\u00e4ugetiere als K\u00fche, zum Beispiel Wale).<\/p>\n<p>Obwohl es unter den Philosophen heute verp\u00f6nt ist, kann man sagen, dass Universalien (wie notwendige Bedingungen) etwas sind, das einem Ding wesenhaft zukommt. Dass Groucho Marx zwei Beine hatte, kam ihm als Menschen etwa wesenhaft zu, sein Schnauz jedoch war bloss ein verzichtbares Accessoire (er selber w\u00fcrde es vermutlich genau umgekehrt sehen). Tats\u00e4chlich wird die Sache etwas komplizierter, wenn man statt Groucho in Fleisch und Blut das Groucho-Marx-<em>Klischee<\/em> betrachtet. Zu diesem geh\u00f6rt der Schnauz sicherlich \u00abwesenhaft\u00bb dazu.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu notwendigen Bedingungen charakterisieren <em>hinreichende<\/em> Bedingungen eine Sache definitiv. Hinreichend daf\u00fcr, dass ein Tier eine Kuh ist, ist etwa die Tatsache, dass das Tier ein Kuhkalb zur Welt gebracht hat. Alle K\u00fche, die ein Kuhkalb zur Welt gebracht haben, sind definitiv K\u00fche. Eine hinreichende Bedingung reicht aber nicht aus, um <em>alle<\/em> Dinge einer Klasse zu erfassen. Es gibt auch K\u00fche, die kein Kalb zur Welt gebracht haben und auch nie eines zur Welt bringen werden, vielleicht aus Mangel an Gelegenheit oder aus Unfruchtbarkeit und weil ihnen der Stier auf der Weide unsympathisch ist.<\/p>\n<p>Mit andern Worten: Universalien &#8211; verstanden als notwendige Bedingungen &#8211; reichen zwar nicht aus, um Musik befriedigend zu charakterisieren, wenn wir sie aber nicht vollst\u00e4ndig aufdr\u00f6seln, k\u00f6nnen wir nicht einmal eine befriedigende Minimal-Definition von \u00abMusik\u00bb vorlegen.<\/p>\n<p>Es ist erstaunlich, dass bis heute keine solche Minimal-Definition f\u00fcr den Ausdruck \u00abMusik\u00bb vorgelegt worden ist. Angesichts der Tatsache, dass die Literatur \u00fcber Musik ganze Bibliotheken f\u00fcllt, ist es sogar <em>\u00fcberaus<\/em> erstaunlich. Man k\u00f6nnte es mit Sokrates halten und fragen: Wissen wir \u00fcberhaupt, wovon wir sprechen?<\/p>\n<p>Das ist keineswegs eine banale Feststellung. Denn sieht man ein bisschen genauer hin, so stellt man fest, dass tats\u00e4chlich eine schon fast skandal\u00f6s zu nennende Uneinigkeit dar\u00fcber herrscht, was denn nun eigentlich Musik ist und was nicht. Das Thema ist emotional aufgeladen. Wem die Musik nicht gef\u00e4llt, welche andere h\u00f6ren (und der wie Kant gezwungen ist, sie mitzuh\u00f6ren), tituliert diese nicht als schlechte Musik, sondern spricht ihr \u00fcberhaupt ab, Musik zu sein. Rockmusik galt den Eltern der Langhaarigen in den Sechzigerjahren bestenfalls als \u00aborganisierter L\u00e4rm\u00bb, die Geistlichen der Renaissance sahen in den Dreitaktt\u00e4nzen bloss das Wirken des Teufels, von Charakterisierungen fr\u00fcher Formen des Jazzes durch die weissen Herren oder chinesischer Oper durch europ\u00e4ische Reisende (auch heute noch) ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Ein Weg, eine Definition zu erhalten, die von aller Ideologie und allen Vorurteilen frei ist, w\u00e4re die naturwissenschaftliche Methode der reinen Beobachtung. Als empirisches Ausgangsmaterial w\u00e4re dabei alles in Betracht zu ziehen, was in irgendeiner Kultur, irgendeiner Epoche und zu irgendeiner Zeit als Musik Bedeutung erlangt hat, als solche konsumiert wurde oder als solche eine \u00e4sthetische Diskussion provozierte. Die Definition k\u00f6nnte lauten:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Musik ist alles, was zu irgendeiner Zeit an irgendeinem Ort als Musik angesehen wurde.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte Einschr\u00e4nkungen machen wie \u00abernsthaft als Musik angesehen\u00bb oder \u00abvon anerkannten Autorit\u00e4ten\u00bb und so weiter. Dies w\u00fcrde das Unternehmen allerdings komplizieren, weil es sehr schwierig w\u00e4re, zu bestimmen, wer denn nun zum Beispiel \u00abanerkannte Autorit\u00e4t\u00bb ist, ganz abgesehen davon, dass sich diese Einsch\u00e4tzung \u00fcber die Jahre oder Jahrhunderte \u00e4ndert.<\/p>\n<p>Mit einer derartigen, auf deskriptiven Methoden beruhenden Ann\u00e4herung st\u00f6sst man allerdings sehr schnell an Grenzen, denn es kann \u2013 den in europ\u00e4ischer Tradition stehenden Avantgardisten zum Dank \u2013\u00a0 sofort nachgewiesen werden, dass daraus bloss eine banale Leerformel resultiert: Alles ist Musik. Von hochorganisierten akustischen Strukturen \u00fcber melodienselige Popul\u00e4rges\u00e4nge, \u00fcber teilweise weitergestaltete zuf\u00e4llige Ger\u00e4usche und den L\u00e4rm der Strasse bis hin zur Stille in dem ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten St\u00fcck des amerikanischen Avantgardisten John Cage: \u00ab4\u201933\u2019\u2019\u00bb \u2013 einer bloss aus einer Generalpause mit einer Dauer von vier Minuten und dreiunddreissig Sekunden bestehenden Komposition, die also solche sogar in Form einer traditionellen Partitur k\u00e4uflich erworben werden kann.<\/p>\n<p>Man kann \u00ab4\u201933\u2019\u2019\u00bb relativ leicht als Gag klassieren. Allerdings kommt man dabei mit der gew\u00e4hlten Methodik in Konflikt. Die Komposition wurde n\u00e4mlich von ernsthaften Musiktheoretikern und der Kunstwelt im allgemeinen weit mehr diskutiert und analysiert als manches St\u00fcck Musik, das jedermann unzweifelhaft als Instanz f\u00fcr den Begriff Musik akzeptieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnten also auch \u00ab4\u201933\u2019\u00bb als Musik gelten lassen und uns auf die etwas weniger allgemeine Formulierung zur\u00fcckziehen, dass Musik alles ist, was von irgend jemandem in den Rang von Musik erhoben wird \u2013 analog zur willk\u00fcrlichen Ernennung eines Pissoirs zum Kunstobjekt durch den franz\u00f6sischen Dadaisten Marcel Duchamp. Eine derartige Definition von Musik k\u00f6nnte durchaus sinnvoll sein. Etwa im Rahmen eines grossen Projektes zur Erfoschung der Erkenntnism\u00f6glichkeiten, die uns unser Geh\u00f6rsinn erm\u00f6glichen kann.<\/p>\n<p>Kurz gefasst w\u00fcrde eine solche Definition folgendermassen lauten:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Musik sind alle Experimente, die zur globalen Erforschung der Erkenntnism\u00f6glichkeiten des menschlichen Geh\u00f6rsinns ausgeheckt werden.<\/em><\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist dies bewusst oder unbewusst die Haltung vieler europ\u00e4isch gepr\u00e4gter Avantgardisten des 20. Jahrhunderts. Aus ihr lassen sich auch Verdikte erkl\u00e4ren wie jenes des deutschen Philosophen und Alban-Berg-Sch\u00fclers Theodor W. Adorno, der nur die \u00abavanciertesten\u00bb kompositorischen Mittel als f\u00fcr eine jeweilige Gegenwart gelten lassen wollte. Eine solche Definition impliziert n\u00e4mlich so etwas wie einen Fortschritt der Musik und ein Aufbauen auf den \u00abForschungsergebnissen\u00bb der V\u00e4ter.<\/p>\n<p>Die zeitgen\u00f6ssischen Avantgardisten k\u00f6nnen in diesem Licht betrachtet als die Grundlagenforscher der Musik bezeichnet werden, die, \u00e4hnlich wie die Elementarteilchenphysiker in ihren milliardenteuren Labors den innersten Prinzipien der akustischen Welt auf den Grund gehen und dabei mit \u00e4hnlichen Problemen zu k\u00e4mpfen haben, wie ihre Freunde in den Naturwissenschaften: Sie k\u00f6nnen sich dem \u00abgemeinen Volk\u00bb nicht mehr verst\u00e4ndlich machen, und ihre Forschungen erschliessen sich erst nach langj\u00e4hrigem geduldigem Studium der theoretischen Voraussetzungen. Sogar die Nebenprodukte gleichen sich: Das Ircam in Paris, eine der Hochburgen der \u00abmusikalischen Grundlagenforschung\u00bb, trug auch schon mal dazu bei, Simulationen von Str\u00f6mungsverh\u00e4ltnissen in der Aviatik zu verbessern. Auch im Windkanal arbeitet man schliesslich mit Wellenph\u00e4nomenen.<\/p>\n<p>Diese Art der Definition hat trotz ihrer Schlagseite in Richtung Trivialit\u00e4t einiges f\u00fcr sich. Sie wird selbst den entferntesten Experimenten von Klangt\u00fcftlern und Bastlern gerecht und erkl\u00e4rt \u00fcberdies, weshalb wir oft geh\u00f6rte Musik als abgegriffen oder \u00abfalsch\u00bb (Adorno) empfinden<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Dennoch d\u00fcrften viele Musikliebhaber davon irritiert sein. Sie stellen sich auf den Standpunkt, dass diese Charakterisierung den Kern nicht trifft, den sie als \u00abWesen\u00bb der Musik empfinden.<\/p>\n<p>Vor allem von Musikern und musikalisch Gebildeten finden sich in allen Weltregionen und -epochen Zeugnisse einer Umschreibung von Musik, die in eine ganz andere \u2013 m\u00f6glicherweise gegenteilige \u2013 Richtung als diejenige eines Forschungsprojektes zur Vermehrung der Kenntnisse \u00fcber die Wirklichkeit weisen: Sie alle deuten hin auf die Macht der Musik, im Menschen einen \u00abekstatischen Zustand\u00bb zu erzeugen, ihm \u00abneue Welten\u00bb zu erschliessen oder ihn zu \u00abentr\u00fccken\u00bb. Statt einer Kl\u00e4rung des Hier und Jetzt scheint Musik so gesehen eher das andere, eine Gegenwelt, eine Phantasiewelt, zu evozieren. Diejenige Musik, die eben solches nicht erm\u00f6glicht oder sogar aktiv verhindert, gilt dann eben als Un-Musik.<\/p>\n<p>Nicht mehr zu umgehen sind die Fragen nach einer Definition von Musik in den letzten Jahrzehnten vor allem f\u00fcr die Ethnomusikologie gewesen. Sie bewegt sich innerhalb einer ungeheuren Spannweite musikalischer \u00c4usserungen \u2013 von den Obertonges\u00e4ngen der Mandschurei \u00fcber die virtuosen Geigenkl\u00e4nge der ungarischen Puszta bis hin zu den als Eigentum betrachteten und damit auch verkauf- und vererbbaren Ges\u00e4ngen der amerikanischen Indianer. Es erstaunt deshalb nicht, dass ethnomusikologische Fachpublikationen sich nach l\u00e4ngerer Abstinenz und Ber\u00fchrungsangst dem Thema \u00abUniversalien in der Musik\u00bb in Sondernummern gewidmet haben: \u00abEthnomusicology\u00bb<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> im Jahr 1971 und \u00abThe World of Music\u00bb<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> 1977. In beiden B\u00e4nden ist trotz der Bereitschaft, sich darauf einzulassen, eine fundamentale Skepsis dar\u00fcber sp\u00fcrbar, dass angesichts der Vielfalt der musikalischen \u00c4usserungen Universalien in der Musik dingfest gemacht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dennoch: Gestellt werden muss die Frage, schon nur, um sich der eigenen kulturellen Vorurteile bewusst zu werden. Die Missverst\u00e4ndnisse und die Naivit\u00e4t im Glauben zu wissen, was Musik ist, k\u00f6nnen \u00fcberdies auch im wissenschaftlichen Dialog tiefgreifende Konsequenzen haben \u2013 sie k\u00f6nnen moderne Ans\u00e4tze zur Erforschung der Musik ruinieren: In einer Zeitschrift<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> zum Beispiel macht sich eine Neurologin Gedanken dar\u00fcber, in welchen Regionen des menschlichen Hirns Musik verarbeitet wird. Zu Recht kritisiert sie die Voraussetzung fr\u00fcherer Forschungen, die ungesehen Konzepte aus der Linguistik \u00fcbernehmen, um die Musikwahrnehmung zu erhellen.<\/p>\n<p>Umso verbl\u00fcffender ist die Definition, die sie selber gleich an den Anfang ihres Artikels stellt: \u00abMusik ist die Kunst, wohlunterschiedene Tonh\u00f6hen in der Art sequentieller Muster harmonischer Konfigurationen zu organisieren, die unterschiedliche Dauer, Intensit\u00e4t und Klangfarbe haben k\u00f6nnen.\u00bb Ein Grossteil der Musik Afrikas, viele zeitgen\u00f6ssische Werke, \u00fcberhaupt alle rein perkussiven Werke und ein grosser Teil der elektronischen Musik f\u00e4llt aus dieser Charakterisierung, die dem mechanistischen Denken des 19. Jahrhunderts zu entstammen scheint.<\/p>\n<p>Der Artikel ist beileibe kein Einzelfall, wissenschaftliche Abhandlungen rund um den Globus gehen eher h\u00e4ufiger als selten von unausgesprochenen Vorurteilen oder naiven Vorstellungen dar\u00fcber aus, was man als Musik anzusehen hat und verlieren dadurch einiges an Wert, vor allem wenn sie, wie es ebenso h\u00e4ufig geschieht, anhand eines engen Musikbegriffes eine Theorie entwickeln und diese dann bewusst oder unbewusst verallgemeinern.<\/p>\n<p>Um nicht in diese Falle zu tappen, soll hier eine mehr oder weniger systematische Zusammenstellung allgemein akzeptierter Universalien skizziert werden. Dazu muss der Blick zun\u00e4chst einmal auf ein v\u00f6llig anderes Gebiet geworfen werden: auf die Suche nach ausserirdischem Leben.<\/p>\n<p>Kaum je einmal stellt sich die Frage danach, was Musik eigentlich ist, so allgemein wie m\u00f6glich, wie in den Monaten zwischen Januar und August 1977. Das Gewicht der Frage steht nat\u00fcrlich in krassem Missverh\u00e4ltnis zu der kurzen Zeit, die bleibt, eine Antwort daf\u00fcr zu finden \u2013 wenig erstaunlich, dass die Chronik dessen, was sich in diesem halben Jahr abspielt, voll ist von unfreiwilliger Komik, krassen Fehlurteilen und einer eher am\u00fcsant als ernsthaft anmutenden L\u00f6sung der musiktheoretischen Gretchenfrage.<\/p>\n<p>Die menschliche Kom\u00f6die mit ernsthaftem Hintergrund beginnt an einer Sitzung der American Astronomical Society und ihrer Abteilung f\u00fcr planetarische Wissenschaften, die im Januar 1977 auf Honolulu abgehalten wird<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Auf der Traktandenliste steht die Frage, was den zwei Voyager-Satelliten mitgegeben werden soll, die im Sommer starten und nach einem Besuch bei den Planeten Mars, Jupiter, Saturn und Uranus zehn Jahre sp\u00e4ter das Sonnensystem in Richtung des Sternensystems verlassen werden, welche das Sternzeichen Steinbock bildet (dorthin sind sie heute \u00fcbrigens auch unterwegs, nachdem sie beinahe alle ihre Aufgaben mit Bravour gel\u00f6st haben). Da die Voyager-Reise ins weite Nichts des Weltalls f\u00fchren wird, liegt es nahe, den Satelliten \u2013 wie fr\u00fcher bereits schon den Pionier-Gegenst\u00fccken \u2013 Materialien \u00fcber das Leben auf der Erde mitzugeben, im (sehr unwahrscheinlichen) Fall, dass sie da draussen einmal irgendwelchen kleinen gr\u00fcnen M\u00e4nnchen in die H\u00e4nde (oder was diese an deren Stelle besitzen) fallen sollten.<\/p>\n<p>An der Sitzung macht der Astronom Frank Drake den Vorschlag, statt eines Magnetbandes &#8211; ein fr\u00fcherer Vorschlag &#8211; eine Langspielplatte samt einer selbsterkl\u00e4renden Abspielvorrichtung beizulegen, die von den Ausserirdischen abgespielt werden k\u00f6nnte. Wie Carl Sagan, einer der Initianten des Projektes, herausfindet, will es der Zufall, dass 1977 der hundertste Geburtstag des Phonograph-Erfinders Thomas Edison gefeiert wird, doch die Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Platte sind anderer Natur: Anders als ein Magnetband speichert eine solche die Informationen aufgrund einer mechanischen Gravur und k\u00f6nnte die sehr, sehr, sehr lange Reise ungleich besser \u00fcberstehen. Ein willkommener Nebeneffekt ist die Tatsache, dass man dank einiger cleverer \u00dcberlegungen wie zum Beispiel der Wahl der Geschwindigkeit von 16\u2154 Umdrehungen pro Minute f\u00fcr die Wiedergabe, viel Platz f\u00fcr akustische Botschaften schaffen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>F\u00fcr Carl Sagan ist sofort klar, was dies bedeutet: Man kann potentiellen ausserirdischen Empf\u00e4ngern Musik von der Erde \u00fcberbringen.<\/p>\n<p>Es stellt sich heraus, dass auf der Platte, die zudem rund 60 Grussbotschaften in Sprachen aus allen Weltgegenden (inklusive eines Wals), Ger\u00e4uschen der Erde und 118 Photographien beinhalten wird, rund 90 Minuten Platz f\u00fcr Musik blieben. Sagan kontaktiert Robert E. Brown vom Center for World Music in Berkeley und Alan Lomax, den Leiter des Cantometrics Project der Columbia University, das zum Ziel hat, die Musik der Welt in einer riesigen Datenbank zu verzeichnen.<\/p>\n<p>Am 14. Mai 1977 findet in Washington im Smithsonian Institute ein Meeting statt, das sich bis drei Uhr in der Fr\u00fch hinzieht. Sagan wird da klar, dass die Musik der Welt viel zu reich ist, als dass jemand sie wirklich \u00fcberblicken kann. Letztlich bleibt die Entscheidung, welche Auswahl getroffen werden muss, bei ihm. Da die Zeit dr\u00e4ngt, wird alles mobilisiert, was irgendwie zur Wahl beitragen kann. Um elf Uhr nachts zum Beispiel klingelt man Martin Williams, den Kurator des Smithsonian f\u00fcr Jazz, aus dem Bett, der sich zuerst einmal die Augen reibt und fragt, ob er das richtig verstanden habe: Man schrecke ihn an einem sp\u00e4ten Sonntagabend auf, um von ihm zu wissen, welchen Jazz man E.T. und Konsorten anempfehlen k\u00f6nne&#8230;<\/p>\n<p>Die Diskussionen f\u00fchren \u00fcber die Frage, ob Vokalmusik eingeschlossen werden solle, zur Bedeutung der Musik der Apachen unter den nordamerikanischen Indianerst\u00e4mmen sowie von der Frage, ob Bob Dylan und Jefferson Airplane in die Liste sollten, zu Argumenten zur richtigen Auswahl klassischer Komponisten. Man will sinnigerweise \u00abHere Comes the Sun\u00bb der Beatles ber\u00fccksichtigen und hat auch bereits die Zustimmung aller Bandmitglieder. Da aber die Urheberrechte unklar sind (gelten sie auch f\u00fcr Konzerte bei Ausserirdischen?), muss man die Idee schliesslich fallenlassen.<\/p>\n<p>In Sachen indische Musik insistiert Brown auf einem Titel von Surshri Kesar Bai Kerkar, der erst in einem indischen Tr\u00f6dlerladen in Manhattan, achtlos in eine Kartonschachtel gesteckt, aufgetrieben wird. Die Bem\u00fchungen um Gerechtigkeit, was die geografische Verteilung angeht, f\u00fchrt zu heute beinahe unglaublich anmutenden diplomatischen Verwirrungen. Murry Sidlin, Dirigent des National Symphony Orchestra in Washington, schl\u00e4gt vor, ein russisches Volkslied mit Nicolai Gedda als Interpreten in die Auswahl aufzunehmen. Gedda ist aber Skandinavier mit weissrussischen Eltern. Es ist nicht offensichtlich, dass er als authentischer Vertreter der russischen Volksmusik durchgehen kann, zudem bef\u00fcrchtet man, dass der Inhalt des Liedes \u2013 ein junges M\u00e4dchen wird von einem kapitalistischen Unternehmer verf\u00fchrt \u2013 der herrschenden kommunistischen Doktrin in Russland widersprechen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Sagan konsultiert telefonisch einen russischen Physikerkollegen und fragte diesen, ob er eine bessere Idee h\u00e4tte. Die Frist f\u00fcr eine Antwort verstreicht jedoch, ohne dass er eine R\u00fcckmeldung erh\u00e4lt. Alan Lomax schl\u00e4gt als Alternative ein Lied aus Georgien vor. Erst viel sp\u00e4ter h\u00f6rt Sagan von seinem russischen Freund. Die Anfrage hat offenbar den schweren Gang durch die Institutionen gemacht. Sogar Lenin wird zitiert, der offenbar einmal der Meinung war, dass selbst kapitalistische Aspekte des vorrevolution\u00e4ren Russlands Wert seien, aufbewahrt zu werden. Die russische Nomenklatura schl\u00e4gt aber eine Alternative vor, ein plattes Propagandast\u00fcck mit dem Titel \u00abMoskauer N\u00e4chte\u00bb. Sagan ist dankbar, das die b\u00fcrorkatischen M\u00fchlen der Sowjetunion zu langsam gemahlt haben, und es deshalb nicht mehr in Betracht fallen kann.<\/p>\n<p>Jedes ausgew\u00e4hlte St\u00fcck muss urheberrechtlich abgekl\u00e4rt werden, weil die internationale Urheberrechtskonvention die Vervielf\u00e4ltigung eines Werkes \u00abzu was f\u00fcr einem Zweck auch immer\u00bb grunds\u00e4tzlich verbietet, was ja logischerweise auch ausserirdische Verwendungen einschliesst. Es werden sogar Tantiemen bezahlt.<\/p>\n<p>Noch skurriler ist die Prozedur zum Einspielen der Grussbotschaften, die Sagan gerne von Mitgliedern der Vereinten Nationen eingeholt h\u00e4tte. Das Weltraumkomitee der Vereinten Nationen will erst nach einer Zustimmung der amerikanischen Delegation mitmachen. Die amerikanische Delegation wiederum schiebt die Verantwortung auf das State Department, das wiederum erst aktiv werden will, wenn die NASA eine formelle Anfrage macht. Die durch Presseberichte aufgeschreckte NASA erkl\u00e4rt aber, \u00fcber das Projekt sei noch kein definitiver Entscheid gefallen, womit Sagan in der b\u00fcrokratischen Mausefalle sitzt.<\/p>\n<p>Sagan hat sich vorgestellt, dass jeder UNO-Vertreter rasch im UNO-Studio vorbeischauen w\u00fcrde, um in seiner Sprache \u00abHallo\u00bb aufs Band zu sprechen. Als schliesslich doch noch eine Aufnahmesitzung zustandekommt, findet sich ein seltsames Gr\u00fcppchen von Funktion\u00e4ren aus dem Weltraumkomitee zusammen, das bei weitem keinen repr\u00e4sentativen Querschnitt durch die Sprachen der Welt bietet. Auch aus dem asketischen Text \u00abHallo\u00bb wird nichts. Die Franzosen zitieren Baudelaire, die Schweden einen zeitgen\u00f6ssischen schwedischen Poeten, der Australier spricht Esperanto, und der Nigerianer erkl\u00e4rt, wo auf der Erde sein Land zu finden ist.<\/p>\n<p>Allerdings hat die UNO bereits die Presse \u00fcber die Aufnahmesitzung orientiert. Die Konsequenz: Der damalige UNO-Generalsekret\u00e4r Kurt Waldheim nimmt eine kurze Ansprache an die Ausserirdischen auf. Da der Beitrag nun mal da ist, zerschl\u00e4gt man sich die K\u00f6pfe dar\u00fcber, ob der amerikanische Pr\u00e4sident sich wohl zur\u00fcckgesetzt f\u00fchlen m\u00fcsste und er einer amerikanischen Raumsonde nicht auch einen Gruss mitgeben m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Jimmy Carter entscheidet sich schliesslich f\u00fcr eine geschriebene Message, datiert vom 16. Juni 1977. Es wird aber der Ruf laut, dass, wenn der US-Pr\u00e4sident sich in der Sonde verewige, dies als Folge der Gewaltentrennung auch den Parlamentariern zustehe, und so werden im letzten Moment noch zwei fotografierte Typoskripte von Namen von US-Parlamentariern der Sonde mitgegeben (vermutlich f\u00fcr die interstellare Boulevardpresse).<\/p>\n<p>Den Rest der Geschichte l\u00e4sst man Sagan am besten selber erz\u00e4hlen:<\/p>\n<blockquote><p>Die sp\u00e4te Ankunft des pr\u00e4sidialen und speziell des Kongressmaterials hatte eine Reihe organisatorischer Probleme zur Folge. Die 118 anderen Bilder waren f\u00fcr die Aufnahmen bei Colorado Video in Boulder, Colorado, bereits ins passende Format transkribiert worden. Vom Hersteller Honeywell selber erhielten wir dazu leihweise ein Aufnahmeger\u00e4t der 5600-C-Serie. Der gesamte technische Abschluss der Bildtranskription wurde als ein \u00f6ffentlicher Dienst von Mitarbeitern des National Astronomy and Ionosphere Center (NAIC) in Cornwell \u00fcberwacht. Um die beiden Dokumente aus Washington hinzuf\u00fcgen zu k\u00f6nnen, musste das Aufnahmeger\u00e4t erneut ausgeliehen und innerhalb eines sehr engen Zeitrahmens nach Boulder geflogen werden, in der Hoffnung, bei Colorado Video auf Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Sonderw\u00fcnsche zu stossen.<\/p>\n<p>Im Washingtoner NASA-Zentrum traf ich Valentin Boriakoff vom NAIC. Dort \u00fcbergab ich ihm die Botschaft des Pr\u00e4sidenten und die Liste der Kongressmitglieder, um sie auf 35-Millimeter-Diafilm zu \u00fcbertragen. Dies konnte nur in einem kommerziellen Studio in einem Aussenquartier von Washington geschehen. Das Weisse Haus bestand darauf, den Inhalt der pr\u00e4sidialen Message selber zu ver\u00f6ffentlichen, und Boriakoff war deshalb \u00fcberall pers\u00f6nlich anwesend, um sicher zu gehen, dass keine unerlaubten Kopien gezogen wurden. Dann flog er nach Denver. Unterdessen flog Dan Mittler vom NAIC von Ithaca, New York, nach Newark, New Jersey, um dort das Honeywellger\u00e4t abzuholen und es nach Denver zu fliegen. Die Zeit war so kurz bemessen und das Ger\u00e4t so kostbar, dass man es sich nicht leisten konnte, dieses im Gep\u00e4ckraum transportieren zu lassen. Wir wollten deshalb einen Sitz daf\u00fcr reservieren. Es stellte sich allerdings heraus, dass Fluglinien mit der Idee eines Sitzes f\u00fcr ein St\u00fcck Ausr\u00fcstung nur schlecht umgehen konnten. Die L\u00f6sung bestand darin, einen Sitz f\u00fcr eine Person mit dem Namen Mr. Equipment zu reservieren, und da Mr. Equipment weniger als zehn Jahre z\u00e4hlte, musste er auch nur den halben Preis bezahlen. <em>Ad astra per bureaucracia<\/em>.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Heute ist Voyager 1 das am weitesten von der Erde entfernte Objekt, das je von Menschenhand geschaffen worden ist. Noch immer wird damit kommuniziert, auch wenn eine Botschaft von der Erde an die Sonde mittlerweile etwa elfeinhalb Stunden braucht, und eine Antenne mit dem Durchmesser von 70 Metern ben\u00f6tigt wird, um die nach wie vor von der Sonde \u00fcbermittelten wissenschaftlichen Daten zu empfangen.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Theodor W. Adorno, \u00abPhilosophie der neuen Musik\u00bb, Los Angeles 1947, Kapitel 1, \u00abSch\u00f6nberg und der Fortschritt\u00bb<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ethnomusicology 15, Nr.3 (1971)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> The World of Music 19, Nr. 1\/2 (1977)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Literaturangabe<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Die Darstellung folgt dem Buch \u00abMurmurs of Earth\u00bb von Carl Sagan, Random House, New York 1978<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> a.a.O., Seite 32<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Universalien und Definitionen sind zwei eng zusammengeh\u00f6rige Themen. Universalien sind Eigenschaften, die allen Elementen einer in Frage stehenden Menge zukommen. Sie entsprechen intuitiv dem, was in der mittelalterlichen Philosophie als notwendige Bedingungen bezeichnet wurden, das heisst als solche, ohne die ein Ding nicht gedacht werden kann. F\u00fcr eine Kuh ist es zum Beispiel eine notwendige Bedingung, zur Klasse der S\u00e4ugetiere zu geh\u00f6ren. Weiss man von einem Tier, dass es kein S\u00e4ugetier ist, so kann man auch mit Sicherheit sagen, dass es keine Kuh sein kann. Weil notwendige Bedingungen so eng mit dem zusammenh\u00e4ngen, was man umgangssprachlich das \u00abWesen\u00bb eines Dinges bezeichnet, spielen sie auch ein wichtige Rolle bei der Definition eines Dinges. Notwendige Bedingungen reichen allerdings nicht aus, um ein<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-230","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/230","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=230"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/230\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":231,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/230\/revisions\/231"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=230"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}