{"id":239,"date":"2018-07-25T17:18:19","date_gmt":"2018-07-25T17:18:19","guid":{"rendered":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=239"},"modified":"2018-07-30T16:55:24","modified_gmt":"2018-07-30T16:55:24","slug":"die-biologischen-rahmenbedingungen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=239","title":{"rendered":"Die biologischen Rahmenbedingungen"},"content":{"rendered":"<p>In vielen K\u00f6pfen spukt die mehr oder weniger durchdachte \u00dcberzeugung herum, dass die F\u00e4higkeit, Musik als solche zu verstehen und zu erzeugen, etwas ist, was den Menschen von Tieren abgrenzt. Nach den Argumenten von Hoerners zu den prinzipiellen physikalischen Arten, wie man akustische Ph\u00e4nomene organisieren kann, verlagert sich damit das Interesse auf die Beschaffenheit der konkreten Wahrnehmungs- und Verarbeitungsorgane von Lebewesen.<\/p>\n<p>Der Schritt ist ein doppelter, weil nicht bloss dar\u00fcber nachgedacht werden muss, wie und ob Musik als akustisches Ph\u00e4nomen produziert werden kann, sondern, ob sie auch als solche verstanden wird. Ein Vogel ist zum Beispiel in der Lage, kunstvolle Melodien zu erzeugen. Aber erlebt er sie auch als \u00abMusik\u00bb? Wale modifizieren \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume ihre Ges\u00e4nge. Aber sind es wirklich \u00abGes\u00e4nge\u00bb f\u00fcr die Meeresbewohner? Wenn man den Tieren die F\u00e4higkeit absprechen will, ihre eigenen akustischen Kunstgebilde als Musik zu erleben (wof\u00fcr die Intuition eigentlich spricht), so muss man auch explizit machen, welche notwendigen Bedingungen man daf\u00fcr aufstellt, dass etwas Musik ist, und so stehen wir wieder auf Feld Eins unseres imagin\u00e4ren Spielbretts.<\/p>\n<p>Theoretische \u00dcberlegungen zu den biologischen Rahmenbedingungen sind in der Geschichte der Musik\u00e4sthetik auffallend wenige angestellt worden. Extensiv diskutiert haben Biologen, Anthropologen, Ethnomusikologen und andere das Thema im Mai 1997 anl\u00e4sslich eines Treffens im Institut f\u00fcr Biomusikologie im nahe Florenz gelegenen Fiesole. Eines der Resultate ist der Artikel \u00abThe Necessity of and Problems with a Universal Musicology\u00bb des franz\u00f6sischen Komponisten Fran\u00e7ois-Bernard M\u00e2che<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Er macht einige bemerkenswerte \u00dcberlegungen zu m\u00f6glichen Kriterien, die akustische \u00c4usserungen von Tieren und menschlicher Musik auseinanderhalten helfen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Rhythmische Organisation etwa ist kein spezifisch menschliches Ph\u00e4nomen. Laut M\u00e2che sind einige V\u00f6gel durchaus in der Lage, rhythmische Funktionen \u00fcber gr\u00f6ssere Zeitr\u00e4ume zu organisieren. Da ist zum Beispiel <em>Turtur brehmeri<\/em>, eine afrikanische Taubenart, die lange Accelerandi produziert \u2013 die Reihe beginnt mit Distanzen von 2,2 Sekunden. M\u00e2che erw\u00e4hnt aber auch <em>Sarothura-Lugens<\/em>, eine Zwergkrallenart, die Accelerando, Crescendo und immer mehr in die H\u00f6he Steigen kunstvoll kombiniert. Einige Vogelarten scheinen also in der Lage zu sein, regelm\u00e4ssige Zeitabst\u00e4nde pr\u00e4zise zu produzieren. Weniger wahrscheinlich scheint, dass sie (oder irgendwelche andere Tierarten) auch f\u00e4hig w\u00e4ren, ein Zeitraster <em>hierarchisch<\/em> zu ordnen, also schwere und leichte Zeiten zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Ein weiteres, oft angef\u00fchrtes universales Kennzeichen von Musik ist die Benutzung von Skalen, das heisst, von fest definierten, wohlunterschiedenen Tonh\u00f6henklassen. Auch solche kommen in der Tierwelt vor, wie M\u00e2ches Beispiele zeigen. So kennt etwa <em>Hacyon badus<\/em>, eine Eisvogelart, ein eigenes System aus sehr kleinen Intervallen, und <em>Cossypha Cyanocampter<\/em>, eine Drosselart, baut innerhalb ihres Skalensystems so raffinierte Melodien, dass man sie mit menschlichen Kreationen verwechseln k\u00f6nnte. <em>Erythropygia leucosticta<\/em> benutzt eine chromatische Skala, innerhalb derer sogar artikulatorische Variationen eingebracht werden. Bei einigen Vogelarten, vor allem Rotkehlchen, gibt es sogar unseren Grundt\u00f6nen vergleichbare ausgezeichnete Tonstufen.<\/p>\n<p>Wenn man Musik hinreichend als etwas definiert, was Rhythmus oder skalenbasierte Melodik besitzt, so muss man zum Schluss kommen, dass Musik \u2013 zumindest in rudiment\u00e4rer Form \u2013 auch im Tierreich vorkommt. Diesen Schluss legt M\u00e2che nahe:<\/p>\n<blockquote><p>In vielen F\u00e4llen teilt die Syntax tierischer Signale eindeutig Eigenschaften mit Musik. Ich glaube, dass alle Prozesse, die Wiederholungen nutzen \u2013 ein offensichtliches musikalisches Universal \u2013 in der Tierwelt vorgefunden werden k\u00f6nnen: Refrain, Reim, Symmetrie, Reprise, Liedform, Barform und so weiter.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Zudem, so M\u00e2che, ist es offensichtlich, dass einige Vogelarten <em>auch zum blossem Vergn\u00fcgen<\/em> singen. In der Folge spekuliert er dar\u00fcber, wie eine urspr\u00fcnglich mit einem evolution\u00e4ren Vorteil verbundene Fahigkeit sich sozusagen fliessend zum Selbstzweck wandelt.<\/p>\n<blockquote><p>Die Kultur als etwas zu sehen, was in einer nat\u00fcrlichen Funktion wurzelt und sich vorzustellen, dass es \u00fcber den puren \u00dcberlebenszweck hinauswuchs, hat f\u00fcr eine grosse Zahl der Biologen und Musiker nat\u00fcrlich etwas H\u00e4retisches. Ich \u00fcberlasse die Entscheidung dem Aufnahmeger\u00e4t und kann bloss sagen, dass ich als Komponist <em>Craticus nigrogularis<\/em> als eine Art Kollege betrachte.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Interessant ist der implizite Wechsel der Kriterien daf\u00fcr, was Musik ist und was nicht, der in dem Artikel vollzogen wird. Er geht von \u00e4usseren Merkmalen zu einer notwendigen funktionellen: Musik ist etwas, was \u2013 um mit Kant zu sprechen \u2013 interesseloses Wohlgefallen weckt. Ob man nun mit M\u00e2ches Beispielen im Einzelnen einverstanden ist oder nicht: Seine Argumentation zeigt, dass formale, \u00e4usserliche Merkmale von Musik nie zuverl\u00e4ssig dazu dienen k\u00f6nnen, Musik so zu definieren, dass man sie als Abgrenzungskriterium zwischen Tier- und Menschenreich benutzen kann.<\/p>\n<p>Die Frage ist, ob man das \u00fcberhaupt will. Es dr\u00e4ngt sich insofern auf, als uns unsere Intuition sagt, dass Musik irgendetwas mit einer hohen kognitiven und intellektuellen Form von Erleben und Reflektieren zu tun hat und man einem Tier diese Art der Reflektion nicht zugestehen m\u00f6chte. Auf der Suche nach einer Definition von \u00abMusik\u00bb sind wir damit aber keinen Schritt weiter: Sie kann nicht auf \u00e4usserliche Merkmale musikalischer Kunstwerke zur\u00fcckgreifen. So wie von Hoerners Charakterisierung aufgrund struktureller Merkmale zu eng ausfiel, fallen die von M\u00e2che erw\u00e4hnten Kriterien der metrischen und Tonh\u00f6henklassen-Organisation zu weit aus, und der Eindruck verst\u00e4rkt sich, dass die Grenzziehung mit diesen Instrumenten immer hilfloser und ad hoc konstruiert ausfallen, ohne dass man die Sache auf den Punkt bringt. Es scheint, dass eine brauchbare Definition von \u00abMusik\u00bb in irgendeiner Art von der <em>Funktion<\/em>, die Musik hat, motiviert sein muss.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Fran\u00e7ois-Bernard M\u00e2che, \u00abThe Necessity of and Problems with a Universal Musicology\u00bb, in: Nils L. Wallin, Bj\u00f6rn Merker, Steven Brown (Hsg.), The Origins of Music, MIT Press, Cambridge (Mass.) 2000, Seiten 473-479<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> a.a.O., Seite 478<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> a.a.O., Seite 479, meine \u00dcbersetzung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In vielen K\u00f6pfen spukt die mehr oder weniger durchdachte \u00dcberzeugung herum, dass die F\u00e4higkeit, Musik als solche zu verstehen und zu erzeugen, etwas ist, was den Menschen von Tieren abgrenzt. Nach den Argumenten von Hoerners zu den prinzipiellen physikalischen Arten, wie man akustische Ph\u00e4nomene organisieren kann, verlagert sich damit das Interesse auf die Beschaffenheit der konkreten Wahrnehmungs- und Verarbeitungsorgane von Lebewesen. 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