{"id":245,"date":"2018-07-25T17:25:25","date_gmt":"2018-07-25T17:25:25","guid":{"rendered":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=245"},"modified":"2018-07-30T17:10:44","modified_gmt":"2018-07-30T17:10:44","slug":"die-psychologischen-rahmenbedingungen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=245","title":{"rendered":"Die psychologischen Rahmenbedingungen"},"content":{"rendered":"<p>Die Beitr\u00e4ge zum Problem der Universalien in der Musik sind verstreut und h\u00e4ufig im Rahmen bestimmter Theorien oder Problemstellungen verfasst worden. Im Grunde genommen ist dies ein Widerspruch zu dem, was Universalien leisten sollten, n\u00e4mlich eben gerade eine <em>universale<\/em> Basis f\u00fcr eine Theorie der Musik zu besorgen, die <em>vor<\/em> allem Theoretisieren festlegt, wor\u00fcber man \u00fcberhaupt spricht und allgemein akzeptierte Prinzipien offeriert. Sie sollte damit auch Instrumente in die Hand geben, um verschiedene Theorien der Musik zu vergleichen.<\/p>\n<p>Man kann die \u00dcberlegungen zu m\u00f6glichen Definitionen der Musik aber mindestens in der Form eines informellen Schichtenmodells skizzieren, dessen allgemeinste Annahme w\u00e4re vermutlich: \u00abMusik hat etwas mit den Eigenschaften der akustischen Wahrnehmung zu tun\u00bb . Wie man sieht, bewegt man sich schon hier auf glattem Parkett, denn die naheliegende Formulierung \u00abMusik ist die bewusste Gestaltung des akustischen Raumes\u00bb kann schon nicht mehr als Universal gesetzt werden. Es w\u00fcrde n\u00e4mlich alle abstrakten, metaphysischen Spekulationen \u00fcber Sph\u00e4renmusik und \u00e4hnliches und damit einen ungemein gewichtigen Teil der indischen, chinesischen, abendl\u00e4ndischen und weiterer Musiktheorien ausschalten.<\/p>\n<p>Je h\u00f6her man in dem Schichtenmodell gelangt, umso mehr m\u00fcssen gewisse Universalien-Postulate auf eine Rahmentheorie eingeschr\u00e4nkt werden. Am verbreitetsten ist sicherlich diejenige, die von Musik erst dann spricht, wenn von einzelnen Werken mit Metrum und tonaler Struktur die Rede ist.<\/p>\n<p>Explizit Gedanken \u00fcber Universalien in der Musik macht sich der britische Musikpsychologe John A. Sloboda. Er diskutiert Gruppierungsstrukturen, die auch von Lerdahl und Jackendoff als Universalien vorgeschlagen werden. Sloboda akzeptiert die Existenz einer Tonskala und eines ausgezeichneten Tones (z. B. Tonika), zumindest w\u00e4hrend der Dauer eines Vortrages, als Universal. Als einen Grund daf\u00fcr sieht er das Vorhandensein von Instrumenten, die im Gegensatz zur Singstimme festgelegte Tonh\u00f6hen besitzen. Weiter schliesst sich Sloboda der g\u00e4ngigen \u00dcberzeugung an, dass die Oktave ein ausgezeichnetes Intervall ist und dass die meisten polyphonen Kulturen \u00fcber Intervalle im Bereich reine Quart und reine Quint verf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Zudem sieht er die ungleiche Aufteilung des Oktavraumes als eine \u00fcbliche Praxis an. Genauer gesagt scheinen Tonsysteme zustandezukommen, indem aus einer gleichm\u00e4ssigen Unterteilung (zw\u00f6lf Halbt\u00f6ne oder wie in Indien 22 Tonschritte) eine ungleich verteilte Untermenge ausgew\u00e4hlt wird, die dann eine diatonische Tonleiter bildet. Die ungleiche Verteilung erlaubt es dem H\u00f6rer, sich im Tonraum besser zurechtzufinden als eine gleichf\u00f6rmige, in der alle Tonstufen gleiche Qualit\u00e4t haben. Zudem kann auf der Basis der ungleichen Verteilung ein System mit mehreren Tonarten konstruiert werden. Die diatonische Tonleiter erlaubt etwa die Konstruktion eines Quintenzirkels mit Modulationen. Die Ganztonleiter kennt keine derartigen Schichtungen. Auch die Zeitdimension wird laut Sloboda von allen Kulturen in ihrer Musik \u00e4hnlich differenziert (allerdings l\u00e4sst er es offen, ob es sich dabei um eine notwendige Strukturierung handelt). Ein regelm\u00e4ssiger Puls wird dabei von Akzenten strukturiert.<\/p>\n<p>Die Er\u00f6rterung des Themas in Slobodas \u00dcberblickswerk \u00abThe Musical Mind: <em>The Cognitive Psychology of Music\u00bb<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a> <\/em>macht einen erstaunlich unsystematischen und teilweise inkonsequenten Eindruck \u2013 Sloboda wechselt von der Diskussion von Universalien schnell zu stilistischen Fragen. Allerdings ist er dabei nicht allein. Eine Unterscheidung zwischen strukturellen, kognitiven, theorieabh\u00e4ngigen und theorie\u00fcbergreifenden Universalien wird praktisch nirgendwo vollzogen. Die meisten Autoren beschr\u00e4nken sich auf eine bunte Sammlung an Einzelideen.<\/p>\n<p>Dies ist auch der Fall f\u00fcr Leonard Meyer in seinem Artikel \u00abA Universe of Universals\u00bb<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Allerdings erkl\u00e4rt der renommierte amerikanische Musikpsychologe gleich zu Beginn, dass es neben den schon erw\u00e4hnten physikalischen und biopsychologischen Rahmenbedingungen im Grunde genommen keine musikalischen Universalien gebe.<\/p>\n<p>Die biopsychologischen Universalien, die Meyer selber zum Diskurs beisteuert, fallen unter die locker zusammengestellten Kategorien Neurokognition, Syntax, statistische Parameter, Klassifikation, hierarchische Strukturen und Redundanz. In Bezug auf Klassifikation beschr\u00e4nkt er sich allerdings auf einige allgemeine Bemerkungen zur Bedeutung der Klassenbildung, wie sie etwa die Tonh\u00f6henklassen darstellen, ohne jedoch explizit eine Rahmenbedingung zu formulieren. Vermutlich schwebt ihm etwas in der Art \u00aballe Musik bedient sich der Strukturierung mittels Klassen von Elementen\u00bb vor, was allerdings zu vage ist, um in unseren Katalog aufgenommen werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch in Sachen Hierarchien gibt Meyer nicht wirklich Rahmenbedingungen an. Vermutlich nicht ganz zu unrecht weist er jedoch darauf hin, dass seit Schenker zwei Dinge h\u00e4ufig unzul\u00e4ssig vermischt werden, n\u00e4mlich Hierarchien in Strukturen und was die Romantiker als \u00abTiefgang\u00bb angesehen haben. So wird Schenkers Ursatz ab und zu als der tiefe Sinn eines Musikst\u00fcckes missverstanden und etwa mit den \u00abtiefgr\u00fcndigen\u00bb Archetypen der jungschen Psychologie verglichen. Auch Lerdahl und Jackendoff warnen in GTTM vor einem solchen Fehlschluss.<\/p>\n<p>Die neurokognitiven Rahmenbedingungen Meyers lauten:<\/p>\n<ul>\n<li>Das menschliche Gehirn kann bloss eine bestimmte Menge Information pro Zeiteinheit verarbeiten.<\/li>\n<li>Das menschliche Gehirn hat eine spezifische Verarbeitungsgeschwindigkeit.<\/li>\n<li>Im Grossen und Ganzen kann das menschliche Gehirn sieben plus\/minus zwei Elemente auf einmal in Beziehung setzen<\/li>\n<\/ul>\n<p>Aus letzterem erkl\u00e4rt sich die L\u00e4nge von Motiven, Themen und so weiter und vor allem die Tatsache, dass musikalische Strukturen nicht dadurch vergr\u00f6ssert werden, dass Melodien l\u00e4nger werden, sondern dadurch, dass ihre Anzahl erh\u00f6ht wird:<\/p>\n<blockquote><p>So wie ein Geb\u00e4ude nicht deshalb gr\u00f6sser wird, weil seine Komponenten (Pf\u00e4hle und Balken, Ziegel und N\u00e4gel) gr\u00f6sser werden, sondern weil deren Anzahl erh\u00f6ht wird, und so wie Organismen nicht wachsen, indem die Zellen gr\u00f6sser werden, sondern indem ihre Anzahl zunimmt, w\u00e4chst auch ein Musikst\u00fcck nicht, weil seine Elemente gr\u00f6sser werden, sondern weil ihre Anzahl zunimmt. Obwohl also Bruckners Sinfonies\u00e4tze viel l\u00e4nger sind als diejenigen Mozarts, haben ihre Motive, Phrasen, Themen und so weiter etwa die gleiche L\u00e4nge wie diejenigen der Mozartsinfonien.<\/p><\/blockquote>\n<p>Als Syntax bezeichnet Meyer die Strukturen, die aufgrund von Wahrscheinlichkeiten, dass ein Tonh\u00f6henereignis, ein Rhythmus oder weiteres auf ein anderes folgen. Zu den entsprechenden Universalien geh\u00f6ren die Benutzung ungleich grosser Intervalle. Ebenso wird der zeitliche Ablauf von ungleich langen Ereignissen bev\u00f6lkert. Die Rahmenbedingungen lassen sich etwa wie folgt formulieren:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Tonh\u00f6hen werden in diskrete, proportionale Elemente aufgeteilt (Tonleitern).<\/li>\n<li>Die Zeitdauern werden ebenfalls in diskrete, proportionale Elemente aufgeteilt (Ganze, Halbe, Viertel und so weiter).<\/li>\n<li>Alle andern Parameter haben bloss statistische Unterscheidungswerte.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Lerdahl und Jackendoff pr\u00e4sentieren ihre Hypothesen zu musikalischen Universalien als Katalog mit f\u00fcnf Punkten.<\/p>\n<ul>\n<li>Die musikalische Intuition wird von vier von GTTM postulierten Dimensionen strukturiert: Gruppierung, metrische Struktur, Zeitspannenreduktion und Prolongationsreduktion. Alle diese Dimensionen sind strikte hierarchisch organisiert.<\/li>\n<li>Die Struktur eines St\u00fcckes wird in jeder Komponente von drei Typen von interagierenden Regeln bestimmt: solchen der Wohlgeformtheit, Pr\u00e4ferenz- und Transformationsregeln.<\/li>\n<li>Die Beziehungen zwischen den vier Gruppen gestalten sich folgendermassen:\n<ul>\n<li>Gruppierung und metrische Struktur sind prinzipiell unabh\u00e4ngig.<\/li>\n<li>Die Zeitspannensegmentierung h\u00e4ngt im Kleinen vom Metrum ab, im Grossen von Gruppierungen, dazwischen spielt eine Kombination der beiden eine Rolle.<\/li>\n<li>Zeitspannenreduktion ist abh\u00e4ngig von einer Kombination aus Tonh\u00f6henstabilit\u00e4t und Zeitspannensegmentierung.<\/li>\n<li>Prolongationsregionen und die relative Bedeutung von Prolongationen werden weitgehend von der Bedeutung der Zeitspannen und der Stabilit\u00e4t der Tonh\u00f6henverbindungen bestimmt.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>Um Entscheidungen \u00fcber die hierarchischen Positionen machen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen Kriterien f\u00fcr die relative Stabilit\u00e4t eines Tonh\u00f6henereignisses vorhanden sein, also ein tonales Zentrum und eine M\u00f6glichkeit, die Distanz eines Tonh\u00f6henereignisses zu diesem angeben zu k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Strukturelle Anf\u00e4nge und Abschl\u00fcsse einer Gruppe bilden wichtige Artikulationen einer St\u00fcckstruktur. Abschl\u00fcsse werden \u00fcberdies von konventionellen Floskeln (\u00abKadenzen\u00bb) erzeugt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> John A. Sloboda, The Musical Mind \u2013 The Cognitive Psychology of Music, Oxford University Press, Oxford 1985<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Leonard B. Meyer, \u00abA Universe of Universals\u00bb, Journal of Musicology 16, Nr.1 (Winter 1998); der Artikel findet sich auch in Leonard B. Meyer, The Spheres of Music, University of Chicago Press, Chicago 2000<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Beitr\u00e4ge zum Problem der Universalien in der Musik sind verstreut und h\u00e4ufig im Rahmen bestimmter Theorien oder Problemstellungen verfasst worden. 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