{"id":249,"date":"2018-07-25T18:55:58","date_gmt":"2018-07-25T18:55:58","guid":{"rendered":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=249"},"modified":"2018-07-29T10:49:17","modified_gmt":"2018-07-29T10:49:17","slug":"basisdefinitionen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=249","title":{"rendered":"Basisdefinitionen"},"content":{"rendered":"<p>Musikalische Terminologie definiert in der Art der Tropenontologie eine Grundklasse aus Eigenschaften, aus denen musikalische Dinge (Akkorde, Intervall, Tonh\u00f6he, Metrum, etc\u2026) konstituiert werden (im Gegensatz zu traditionellen Ontologien, die Dinge postuliert, die Tr\u00e4ger von Eigenschaften sind): Gegenst\u00e4nde sind eine Ansammlung von Eigenschaften. Eigenschaften haben den Charakter von Massentermini (Wasser, rot\u2026.)<\/p>\n<p>Orte von Eigenschaften sind<\/p>\n<ul>\n<li>Der <strong>echtzeitliche physikalische Raum <\/strong>(<strong>\u03a6<\/strong>-Universum): Physikalische Sinnesdaten (eintreffend am Trommelfell). Eigenschaften im physikalischen Raum sind physikalisch messbar. <strong><strong>Im echtzeitlichen physikalischen Raum finden sich Eigenschaften und Dinge.<\/strong><\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Frage:<br \/>\n<\/strong>Sind Zeitpunkt und Dauer eines musikalischen Gegenstandes Eigenschaften im <strong>\u03a6<\/strong>-Universum? W\u00e4ren Metrum und Rhythmus Eigenschaften im <strong>\u03a6<\/strong>-Universum? Oder sind Zeitpunkt und Dauer eines musikalischen Gegenstandes im kantischen Sinne \u00abBedingungen der M\u00f6glichkeit\u00bb des Gegenstandes und damit nicht wahrgenommene Eigenschaften?<\/p>\n<ul>\n<li>Der <strong>echtzeitliche ph\u00e4nomenologische (psychologische) Raum <\/strong>(<strong>\u03a8<\/strong>-Universum): Ph\u00e4nomenologisch Wahrgenommenes (im Gegenwartsfenster Geh\u00f6rtes. Eigenschaften im ph\u00e4nomenologischen Raum sind nicht physikalisch messbar, haben aber introspektive sinnliche Realit\u00e4t (zum Beispiel der Tonstufencharakter eines Tones oder die Leitt\u00f6nigkeit eines Tones). Im ph\u00e4nomenologischen Raum gibt es keine eindeutige Metrik und bloss eine fragmentarische Ordnung. Er ist jedoch \u00fcber verbale Beschreibungen von H\u00f6rern der Erfoschung zug\u00e4nglich. Wir gehen mal davon aus, dass im<strong> echtzeitlichen ph\u00e4nomenologischen Raum Dinge <\/strong><strong>nur <\/strong><strong>als Komposita von Eigenschaften existieren<\/strong><strong>. <\/strong>Das heisst, Objekte im ph\u00e4nomenologischen Raum sind bloss B\u00fcndel von Eigenschaften. W\u00fcrde man<strong> \u03a8<\/strong>-Objekten einen eigenst\u00e4ndigen ontologischen Status zusprechen, w\u00e4re man gezwungen, eine idealistische Ontologie zu akzeptieren. \u00a0 <strong><br \/>\n<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Fragen:<br \/>\n<\/strong>Muss man im K\u00fcrzestged\u00e4chtnis eidetisch Festgehaltenes (<strong>\u0395<\/strong>-Universum) ebenfalls zum <strong>\u03a8<\/strong>-Universum rechnen und es damit kategorisch vom physisch vorhandenen Erinnerungsraum abgrenzen?<br \/>\nDas ontologische Verh\u00e4ltnis zwischen den Dingen im echtzeitlichen physikalischen Raum und den Dingen im echtzeitlichen ph\u00e4nomenologischen Raum ist unklar. Sind Identischsetzungen zwischen ihnen m\u00f6glich?<\/p>\n<ul>\n<li>Der <strong>physisch vorhandene Erinnerungsraum <\/strong>(<strong>\u039c<\/strong>-Universum): Darin findet sich gespeichertes Wissen \u00fcber Sinnesdaten in der Vergangenheit und Weltwissen. Erinnerungen m\u00fcssen ein physisches Korrelat haben, auch wenn dessen Beschaffenheit noch v\u00f6llig unerforscht ist. Ebenfalls v\u00f6llig unklar sind die Prozesse der Umwandlung von Erinnerungen in Eigenschaften im echtzeitlichen ph\u00e4nomenologischen Raum.<\/li>\n<li>Der <strong>Raum abstrakter Relationen zwischen Eigenschaften <\/strong>(<strong>\u0391<\/strong>-Universum). Sie haben vermutlich keine Sinnesqualit\u00e4t. Sie haben aber vermutlich in noch unbestimmten Arten Einfluss auf die Wahrnehmung im echtzeitlichen ph\u00e4nomenologischen Raum.<br \/>\nEine abstrakte Relation kann sein: Ton a(t<sub>1<\/sub>) ist eine Quarte h\u00f6her als Ton b(t<sub>2<\/sub>), wobei Ton a(t<sub>1<\/sub>) relativ weit in der Vergangenheit des aktuellen Echtzeitfensters liegen kann. Man kann f\u00fcr den Raum abstrakter Relationen sinnliche Eigenschaften postulieren, die Relationen sind zwischen einem erinnerten Ding und einem Ding im echtzeitlichen ph\u00e4nomenologischen Raum. Sie fliessen in das H\u00f6rerlebnis des \u00abkompetenten H\u00f6rers\u00bb ein, ohne dass klar ist, welche Mechanismen dahinter stecken.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Erster Schritt:<\/strong> Das Modell zur Beschreibung von Musik nimmt das <strong>\u03a8<\/strong>-Universum als Basis und fragt sich, wo sich die Eigenschaften der darin vorfindlichen Gegenst\u00e4nde ansiedeln.<\/p>\n<p><strong>Zweiter Schritt: <\/strong>Das Modell klassifiziert und unterscheidet musikalische Eigenschaften ontologisch. Ein Ton ist z.B. ein Gegenstand (qua B\u00fcndel von Eigenschaften) und eine Melodie ist ein Gegenstand (qua B\u00fcndel von Eigenschaften), <strong>ein Rhythmus hingegen nicht<\/strong>. Rhythmen sind nicht Eigenschaften von solchen Gegenst\u00e4nden.<\/p>\n<p><strong>Dritter Schritt:<\/strong> Im Modell stellt sich die Frage, wo die hierarchisch h\u00f6heren \u00abGegenst\u00e4nde\u00bb (Melodien, Rhythmen etc.) materiell vorgefunden werden. Man kommt da zur\u00fcck auf eine Leibniz-Aussage (\u00abMusik ist ein unbewusstes Z\u00e4hlen der Seele). Das heisst, Voraussetzung f\u00fcr das Verstehen des Musik-Erlebens ist ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Ontologie abstrakter Eigenschaften.<\/p>\n<h2>Musik, Komposition, musikalischer Gegenstand<\/h2>\n<h3>Strawsonsches akustisches Universum<\/h3>\n<p>In seinem einflussreichen Buch <em>Universals<\/em> hat P.F. Strawson die M\u00f6glichkeit durchgespielt, ein Universum aus akustischen Erfahrungen zu konstruieren. Ein solches ist nicht physikalistisch und wird nicht von materiellen K\u00f6rpern bev\u00f6lkert, es ist p\u00e4nomenalistisch. Damit hat Strawson einen Rahmen geliefert, in dem eine Ontologie der Musik modelliert werden kann.<\/p>\n<p>Strawsons \u00dcberlegungen f\u00fchren uns zur Frage, ob die Erfahrung eines musikalischen Raumes ausserhalb der erlernten Erfahrung des realen Raumes \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist und wie sich eine solche Erfahrung qualitativ von der Erfahrung des physikalischen Raumes unterscheiden w\u00fcrde. Die Frage ist insofern von praktischer Bedeutung, als wir davon ausgehen k\u00f6nnen, dass die erste Erfahrung des werdenden Menschen den H\u00f6rsinn betrifft, ohne dass sich bereits eine Vorstellung des physikalischen Raumes gebildet h\u00e4tte. Wir k\u00f6nnen also Vermutungen dar\u00fcber anstellen, welcher Art die weltkonstituierenden akustischen Erfahrungen Ungeborener sein m\u00fcssen.<\/p>\n<h3><em>Def<\/em> := Musik<\/h3>\n<p>Wir gehen von der intuitiven Vorstellung aus, dass alle akustischen Abl\u00e4ufe mit dem Terminus \u00abMusik\u00bb bezeichnet werden, die einen virtuellen akustischen Raum errichten<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Technisch gesehen ist ein Musikst\u00fcck (eine \u00abKomposition\u00bb <strong>K<\/strong>) eine Kollektion musikalischer Gegenst\u00e4nde, die einen solchen Raum errichten. Die Theorie einer Komposition (T<sub>K<\/sub>) ist eine Liste aller ihrer Eigenschaften, Objekte und Regeln der Objektkonstitution. T<sub>K<\/sub> wird auch als \u00ab<strong>musikalisches Universum<\/strong>\u00bb bezeichnet.<\/p>\n<p>Musikalische Universen sind <strong>die Vereinigung zweier Teiluniversen<\/strong>: zum einen die Menge aller physikalisch beobachtbaren Eigenschaften (<strong>\u03a6<\/strong>-Universum), zum andern die Menge aller Eigenschaften als Folge mentaler Konstruktionen (<strong>\u03a8<\/strong>-Universum).<\/p>\n<h3><em>Def <\/em>:= Grundgegenstandsbereiche eines Musikuniversums<\/h3>\n<p>Der Grundgegenstandsbereich eines musikalischen Universums kann je nachdem definiert werden als die Menge aller nicht weiter zerlegbaren Eigenschaften in dem Universum oder als die Menge aller Objekte des Universums, die sich innerhalb des Universums nur in Eigenschaften zerlegen lassen<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>.<\/p>\n<h4>Def := <strong>\u03a6<\/strong>-Universum<\/h4>\n<p>Ein <strong>\u03a6<\/strong>-Universum ist eine Menge von Eigenschaften, die sich physikalisch messen lassen und die von ausserhalb des K\u00f6rpers die Sinnessysteme eines K\u00f6rpers reizen. Dies ist noch keine formale, sondern eine informelle Definition. Wir beschr\u00e4nken die Eigenschaften f\u00fcr unsere Modell auf die MIDI-Daten Dauern (t), Frequenzen (f), Einsatzpunkte (Onset Point, OnP), Endpunkte (Offset Point, OfP), Lautst\u00e4rke (A).<\/p>\n<h4>Def := <strong>\u03a8<\/strong>-Universum<\/h4>\n<p>Ein<strong> \u03a8<\/strong>-Universum ist eine Menge von Eigenschaften, die mental als Qualia wahrgenommen werden und der daraus mental konstruierten Gestalten. Auch dies\u00a0ist noch keine formale, sondern eine informelle Definition.<\/p>\n<h3>Eigenschaften<\/h3>\n<p>Es gibt musikalische sinnvolle und unsinnige Relationen. Eine postulierbare, aber unsinnige Eigenschaft ist etwa, dass die Hauptmelodie einer Komposition nicht identisch ist mit der Anzahl Bl\u00e4tter einer Birke s\u00fcdlich von Wladiwostok. Eine <strong><em>Theorie der ME<\/em><\/strong> (<strong>Musikalische Eigenschaft<\/strong>) definiert f\u00fcr eine <strong>K <\/strong>(Komposition) genau, welche <em>ME<\/em> prinzipiell sinnvoll sind und welche f\u00fcr die T<sub>K<\/sub> systemrelevant gelistet werden m\u00fcssen.<\/p>\n<h3><\/h3>\n<h4><em>Def<\/em> := <strong>\u03a6<\/strong>-Eigenschaft<\/h4>\n<p>Nimmt man MIDI-Daten f\u00fcr eine <strong>K<\/strong> zum Ausgangspunkt, dann ist eine Musikalische <strong>\u03a6<\/strong>-Eigenschaft (ME<strong><sub>\u03a6<\/sub><\/strong>)\u00a0 entweder ein Element aus den Klassen<\/p>\n<ul>\n<li>Dauern (t)<\/li>\n<li>Frequenzen (f)<\/li>\n<li>Einsatzpunkte (Onset Point, OnP)<\/li>\n<li>Endpunkte (Offset Point, OfP)<\/li>\n<li>Lautst\u00e4rke (A)<\/li>\n<\/ul>\n<p>oder eine beliebige mehrstellige Relation zwischen Elementen dieser Klassen und\/oder eine Relation zwischen mehrstelligen Relationen.<\/p>\n<h4><em>Def <\/em>:= <strong>\u03a8<\/strong>-Eigenschaft<\/h4>\n<p>In <strong>\u03a8<\/strong>-Universen muss unterschieden werden zwischen einer abstrakten Theorie der <strong>\u03a8<\/strong>-Eigenschaften und der Beschreibung der empirisch erforschbaren <strong>\u03a8<\/strong>-Eigenschaften einer <strong>K<\/strong>. Empirisch erforschbar bedeutet nach dem heutigen Stand der Psychologie Introspektion, beziehungsweise Befragen von Versuchspersonen.<\/p>\n<p>Klasse der abstrakten<strong> \u03a8<\/strong>-Eigenschaften \u2287 Klasse der empirisch erforschbaren <strong>\u03a8<\/strong>-Eigenschaften.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Def := Musikalischer Gegenstand (MG)<\/h4>\n<p>Wir unterscheiden zwischen Elementaren Musikalischen Gegenst\u00e4nden (MG<sub>0, <\/sub><em>MG der Herarchiestufe 0<\/em>) und Gegenst\u00e4nden, die kognitiv aus MG<sub>0<\/sub> konstruiert werden (MG<sub>i<\/sub>, <em>Musikalische Gestalten<\/em>). Eine Typologie der MG<sub>i<\/sub> ist (mutmasslich) eine komplexe, verschr\u00e4nkte Struktur, in der sich Hierarchiebenen nicht linear trennen lassen (d. h. es gibt MG<sub>i<\/sub>, die sich aus MG<sub>j<\/sub> mehrerer Hierarchiestufen zusammensetzen).<br \/>\nMG<sub>i<\/sub> mit i &gt; 0 existieren nur in <strong>\u03a8<\/strong>-Universen (siehe unten). Gekl\u00e4rt werden m\u00fcssen diese Strukturen mit einer eigenen <em>Theorie der musikalischen Gestalt-Typologien<\/em>.<\/p>\n<h3>Identit\u00e4t musikalischer Gegenst\u00e4nde<\/h3>\n<p>Wird noch offen gelassen. Basis wird aber eine lebnizsche Identit\u00e4tsdefinition sein.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> siehe Einleitung<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> zur Identit\u00e4t akustischer Objekte siehe die interessanten \u00dcberlegungen von P. F. Strawson im zweiten Kapitel von P. F. Strawson: <em>Individuals. An Essay in Descriptive Metaphysics<\/em>, Routledge, London (first published 1959)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Musikalische Terminologie definiert in der Art der Tropenontologie eine Grundklasse aus Eigenschaften, aus denen musikalische Dinge (Akkorde, Intervall, Tonh\u00f6he, Metrum, etc\u2026) konstituiert werden (im Gegensatz zu traditionellen Ontologien, die Dinge postuliert, die Tr\u00e4ger von Eigenschaften sind): Gegenst\u00e4nde sind eine Ansammlung von Eigenschaften. Eigenschaften haben den Charakter von Massentermini (Wasser, rot\u2026.) Orte von Eigenschaften sind Der echtzeitliche physikalische Raum (\u03a6-Universum): Physikalische Sinnesdaten (eintreffend am Trommelfell). Eigenschaften im physikalischen Raum sind physikalisch messbar. Im echtzeitlichen physikalischen Raum finden sich Eigenschaften und Dinge. Frage: Sind Zeitpunkt und Dauer eines musikalischen Gegenstandes Eigenschaften im \u03a6-Universum? W\u00e4ren Metrum und Rhythmus Eigenschaften im \u03a6-Universum? Oder sind Zeitpunkt und Dauer eines musikalischen Gegenstandes im kantischen Sinne \u00abBedingungen der M\u00f6glichkeit\u00bb des Gegenstandes und damit nicht wahrgenommene Eigenschaften? 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