{"id":361,"date":"2018-07-30T13:56:52","date_gmt":"2018-07-30T13:56:52","guid":{"rendered":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=361"},"modified":"2018-07-30T14:00:37","modified_gmt":"2018-07-30T14:00:37","slug":"leonard-b-meyers-musikalische-erwartungen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=361","title":{"rendered":"Leonard B. Meyers musikalische Erwartungen"},"content":{"rendered":"<p>Zu den Schriften von Moles gibt es eine angels\u00e4chsische Alternative, die viele \u00e4hnliche Gedanken formuliert, dies aber in einer weitaus praktischeren und zug\u00e4nglicheren Art: Die Werke Leonard B. Meyers. Der amerikanische Musikpsychologe hat 1956 mit \u00abEmotion and Meaning in Music\u00bb einen Klassiker geschrieben, in dem Gestalt- und Informationstheorie zu einer fruchtbaren neuen Sicht auf die Frage nach musikalischer Bedeutung zusammengef\u00fchrt werden. Es ist das meistzitierte Buch der Musikpsychologie und sein Einfluss auf die heutige Musikpsychologie kann gar nicht untersch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<p>Meyer nimmt das Gesetz der Pr\u00e4gnanz und dasjenige der guten Fortsetzung der Gestalttheoretiker auf. Das erste besagt, dass die wahrgenommene Struktur immer so einfach wie m\u00f6glich ist. Das zweite postuliert, der menschliche Geist gehe davon aus, eine Struktur werde in der immer gleichen Art fortgesetzt. Der aktive, in den Vermutungen \u00fcber die Struktur des musikalischen Geschehens vorauseilende menschliche Geist nimmt aufgrund solcher Gestaltgesetze an, dass die in Entwicklung begriffene Struktur m\u00f6glichst einfach und abgerundet komplettiert wird. Das heisst, die sch\u00f6pferische Komponente der Gestaltprinzipien f\u00fchrt zu einer <em>Erwartung<\/em> an die weitere musikalische Entwicklung auf Basis des bereits Geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Musikalische Bedeutung nun entsteht genau aus dieser Erwartungshaltung. Die Bedeutung eines musikalischen Ereignisses ist nichts anderes als die Fortsetzung, die es impliziert. Das heisst aber auch, dass musikalische Ereignisse, die in uns keinerlei Erwartungen oder Vermutungen wecken, auch keine Bedeutung in sich tragen.<\/p>\n<p>Meyer formuliert seine These in einem 1957<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> erschienenen Artikel explizit als informationstheoretischen Ansatz: Den Angelpunkt sieht er dabei im Konzept der Markov-Ketten, die in engem Zusammenhang zu seiner Theorie der erf\u00fcllten oder nicht erf\u00fcllten Erwartung steht. \u00dcberhaupt, meint Meyer, sind musikalische Stile ja nichts anderes als verinnerlichte Wahrscheinlichkeitssysteme. Auch Theorieanweisungen zur Komposition k\u00f6nnen als solche interpretiert werden. In einem Harmonie- oder Kontrapunkt-Lehrbuch werden Regeln \u00fcblicherweise als Wahrscheinlichkeiten angegeben: Nach einer Tonika folgt meistens eine Dominante, h\u00e4ufig eine Subdominante, ab und zu gefolgt von einer Submediante und so weiter.<\/p>\n<p>Normen eines Stils charakterisiert Meyer schliesslich folgerichtig als die Wahrscheinlichkeitsbeziehungen, die einen speziellen musikalischen Stil ausmachen, zusammen mit den \u00abverschiedenen Weisen des mentalen Verhaltens, die in der Wahrnehmung und dem Verstehen des Materials\u00bb eine Rolle spielen.<\/p>\n<p>Auf dieser Basis skizziert Meyer drei Arten von innermusikalischer Bedeutung:<\/p>\n<p><strong>Hypothetische Bedeutung:<\/strong> Diese ist einem Ton oder Tonmuster insofern eigen, als dass bestimmte Erwartungen dar\u00fcber geweckt werden, was in der musikalischen Entwicklung folgen wird. Sie erkl\u00e4rt auch, weshalb wir f\u00e4hig sind, uns \u00fcberraschen zu lassen: Wir tendieren dazu, eher unwahrscheinliche Entwicklungen aus unserem Erwartungshorizont auszublenden, diese sind, wenn sie eintreten, deshalb eben unerwartet.<\/p>\n<p><strong>Evidente Bedeutung: <\/strong>Sie wird einem Ereignis im Nachhinein \u2013 quasi korrigierend \u2013 zugewiesen, n\u00e4mlich dann, wenn eines der m\u00f6glichen Ereignisse, auf die es hinzielen k\u00f6nnte, tats\u00e4chlich eingetreten ist. Sie entspricht dem, was Systemtheoretiker \u00abFeedback\u00bb nennen.<\/p>\n<p><strong>Determinierte Bedeutung: <\/strong>Damit ist der Sinn gemeint, der sich aus dem musikalischen Ganzen ergibt, wenn es vom H\u00f6rer einmal vollst\u00e4ndig erfasst worden ist.<\/p>\n<p>Nun spielt in der Wahrnehmung der Musik eben nicht bloss die einfache Erwartung eine Rolle, sondern die Wahrscheinlichkeiten (oder Erwartungen), dass ein bestimmtes musikalisches Ereignis eintritt, h\u00e4ngen stark davon ab, was vorausgegangen ist. Wenn erst zwei oder drei T\u00f6ne erklungen sind, herrscht noch grosse Unsicherheit dar\u00fcber, wie sich die Musik weiterentwickeln wird (es k\u00f6nnen sogar noch Unsicherheiten dar\u00fcber bestehen, welchem Stil das Geh\u00f6rte zuzuordnen ist). Wenn eine Phrase aber beinahe vollst\u00e4ndig geh\u00f6rt ist, so steigen die Wahrscheinlichkeiten f\u00fcr das zu erwartende Kommende erheblich. Mit andern Worten: Die Wahrscheinlichkeiten eines Ereignisses in der Musik h\u00e4ngen von fr\u00fcheren ab. Dies ist aber gerade die Definition eines Markov-Prozesses.<\/p>\n<p>Auch der Begriff der Redundanz wird von Meyer in die musikalische Betrachtung eingef\u00fchrt. Redundante Strukturen seien n\u00f6tig, meint der Musikpsychologe, weil sie, wie in der verbalen Kommunikation auch, zur Verst\u00e4ndlichkeit beitragen. Dies k\u00f6nne, meint er, zumindest teilweise auch das Unverst\u00e4ndnis des Publikums gegen\u00fcber moderner avantgardistischer Musik erkl\u00e4ren: Die modernen Komponisten hielten die Redundanz-Rate in ihren Werken so tief, dass die \u00abKanalkapazit\u00e4t\u00bb ihrer H\u00f6rerschaft unweigerlich \u00fcberfordert w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter (1967) hat Meyer die Reichweite der Informationstheorie und damit des statistischen Prinzips in der Musik etwas relativiert. Demnach unterliegen nicht alle Ebenen der musikalischen Erfahrung statistischen Gesetzm\u00e4ssigkeiten. In Konflikt mit der statistischen Sichtweise kommt vor allem das Gestaltsehen, das sich eben nicht auf ein passives Z\u00e4hlen von Ereignissen zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4sst, sondern ein starkes kreatives Element erh\u00e4lt. Strukturen, die vom menschlichen Geist selber geschaffen werden, k\u00f6nnen eben nicht mit statistischen Mustern gleichgesetzt werden.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Leonard B. Meyer, \u00abMeaning in Music and Information Theory\u00bb, The Journal of Aesthetics and Art Criticism, Vol. XV\/4, Juni 1957<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den Schriften von Moles gibt es eine angels\u00e4chsische Alternative, die viele \u00e4hnliche Gedanken formuliert, dies aber in einer weitaus praktischeren und zug\u00e4nglicheren Art: Die Werke Leonard B. Meyers. Der amerikanische Musikpsychologe hat 1956 mit \u00abEmotion and Meaning in Music\u00bb einen Klassiker geschrieben, in dem Gestalt- und Informationstheorie zu einer fruchtbaren neuen Sicht auf die Frage nach musikalischer Bedeutung zusammengef\u00fchrt werden. Es ist das meistzitierte Buch der Musikpsychologie und sein Einfluss auf die heutige Musikpsychologie kann gar nicht untersch\u00e4tzt werden. Meyer nimmt das Gesetz der Pr\u00e4gnanz und dasjenige der guten Fortsetzung der Gestalttheoretiker auf. Das erste besagt, dass die wahrgenommene Struktur immer so einfach wie m\u00f6glich ist. 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