{"id":379,"date":"2018-08-01T08:39:06","date_gmt":"2018-08-01T08:39:06","guid":{"rendered":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=379"},"modified":"2018-08-01T08:39:06","modified_gmt":"2018-08-01T08:39:06","slug":"gustav-theodor-fechner-und-die-psychophysik","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=379","title":{"rendered":"Gustav Theodor Fechner und die Psychophysik"},"content":{"rendered":"<p>Fechners (1801 \u2013 1887) Leben und Werk sind typisch f\u00fcr die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts und scheinen \u00e4usserlich unspektakul\u00e4r. Obwohl wie erw\u00e4hnt im heutigen Polen geboren, kommt Fechner kaum je aus den Mauern Leipzigs heraus, einer intellektuell \u00e4usserst regen Gemeinschaft, die ihm mit 83 Jahren gar die Ehrenb\u00fcrgerschaft verleiht. Die \u00e4ussere Ruhe macht es Fechner m\u00f6glich, ein umfangreiches physikalisches, psychologisches, philosophisches und \u2013 unter dem Pseudonym Dr. Mises \u2013 gar satirisches Werk vorzulegen. Gest\u00f6rt wird er dabei einzig durch ein Augenleiden, das ihn mit 38 Jahren zwingt, eine Physikprofessur aufzugeben und sich auf die Philosophie zu verlegen.<\/p>\n<p>Ansonsten verl\u00e4uft sein Leben so wohltuend unspektakul\u00e4r, wie es nur m\u00f6glich ist: Studium der Medizin an der Universit\u00e4t Leipzig, Herausgabe eines Hauslexikons im Breitkopf&amp;H\u00e4rtel-Verlag, mit 32 Jahren Hochzeit mit der Tochter eines Leipziger Ratsherrn, Mitbegr\u00fcnder der K\u00f6niglich-S\u00e4chsischen Gesellschaft der Wissenschaften. Nach 1850 zieht er bis zu seinem Tode auch nicht mehr um. Er bewohnt das Vorderhaus des Eckgrundst\u00fccks Blumengasse 2\/Dresdner Stra\u00dfe 15. Eine Gedenktafel erinnert an den prominenten Hausbewohner.<\/p>\n<p>In zweiten Band seines Hauptwerks \u00abElemente der Psychophysik\u00bb<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> reicht Fechner die Lorbeeren f\u00fcr die Grundlegung der naturwissenschaftlichen Theorie zum Leib-Seele-Problem seinem Mentor Ernst Heinrich Weber (1795 \u2013 1878) weiter. Tats\u00e4chlich hat Weber die Diskussion um das Verh\u00e4ltnis von Leib und Seele um einen experimentellen Ansatz bereichert. Mit zahlreichen Versuchen zum Tast- und anderen Sinnen stellt er fest, dass \u00abdie Gr\u00f6sse des Reizzuwachses gerade im Verh\u00e4ltnisse der Gr\u00f6sse des schon gewachsenen Reizes ferner wachsen muss, um noch dasselbe f\u00fcr das Wachstum der Empfindung zu leisten\u00bb<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Fechner quantifiziert den Weberschen Ansatz und schafft damit die Grundlagen, das Verh\u00e4ltnis zwischen physikalischer Welt und ihren Wirkungen auf die seelische genau zu erfassen.<\/p>\n<p>Fechner stellt fest, dass der Zuwachs an Intensit\u00e4t einer Empfindung nicht linear ist zum Zuwachs des dazugeh\u00f6rigen Reizes. Je st\u00e4rker ein Reiz ist, umso mehr braucht es, um auch die Empfindung eines Zuwachses zu provozieren. Die Quantifizierung hat dabei einen engen Zusammenhang mit der sogenannten Wahrnehmungsschwelle, unter der ein Mensch keinen Reiz oder keine Reizver\u00e4nderung wahrnimmt.<\/p>\n<p>Ein Beispiel soll die fechnersche Entdeckung buchst\u00e4blich erhellen: Man nehme an, dass in einem Zimmer zehn Kerzen brennen und es zwei zus\u00e4tzliche Kerzen braucht, damit der Mensch einen Helligkeitsunterschied wahrzunehmen in der Lage ist. Brennen nun zwanzig Kerzen, so braucht es nicht bloss zwei Kerzen mehr, um einen Heligkeitsunterschied gerade noch wahrnehmbar zu machen, sondern vier. Im Falle von 30 brennenden Kerzen braucht es sechs weitere und so weiter. Das heisst, die Wahrnehmung gr\u00f6sserer Intensit\u00e4t steigt weniger stark an als die Zunahme des Reizes.<\/p>\n<p>Weber gibt das Verh\u00e4ltnis in mathematischer Form an:<\/p>\n<p>Sei b die Gr\u00f6sse eines Reizes in der physikalische Welt und g die Gr\u00f6sse der Empfindung, die der Reiz im seelischen Erleben ausl\u00f6st, dann ver\u00e4ndert sich die Empfindung abh\u00e4ngig von der Ver\u00e4nderung des Reizes nach der folgenden Formel:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-380 aligncenter\" src=\"https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/fechner1-300x69.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"69\" srcset=\"https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/fechner1-300x69.jpg 300w, https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/fechner1-768x178.jpg 768w, https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/fechner1-1024x237.jpg 1024w, https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/fechner1.jpg 1102w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Das heisst, der Zuwachs der Empfindung steigt in einem <em>logarithmischen<\/em> Verh\u00e4ltnis zum Zuwachs des Reizes an. Das Gesetz wird auch heute noch gerne erw\u00e4hnt, h\u00e4ufig mit der etwas g\u00f6nnerhaften Bemerkung, dass es nur in gewissen Grenzen g\u00fcltig sei. Wer Fechners Originaltexte liest, kann allerdings leicht feststellen, dass der Leipziger Wissenschaftler sich der Grenzen der Formel durchaus bewusst war. Die Leistung Fechners liegt aber auch nicht in der Formulierung des tats\u00e4chlichen mathematischen Tatbestandes, sondern in den Perspektiven, die er der experimentellen Erforschung und Quantifizierung des Verh\u00e4ltnisses zwischen Reiz und Empfindung ge\u00f6ffnet hat. Seither wurden kaum wesentliche Fortschritte gemacht, um den Graben zwischen den Welten zu schliessen.<\/p>\n<p>Es geht aber wie im Witz mit dem Brillentr\u00e4ger, der \u00fcber seine neue Brille begeistert ist \u2013 nicht weil sie die seltsamen verschwommen Geisterflecken zum Verschwinden bringt, die er immer sieht, sondern weil er sie mit der Brille viel deutlicher zu sehen vermag: Das Problem l\u00e4sst sich seit Fechners Arbeiten nicht l\u00f6sen, aber viel exakter fassen und isolieren.<\/p>\n<p>Man erinnert sich, dass ein derartiges Verh\u00e4ltnis in der Geschichte der Musik\u00e4sthetik vor Fechner bereits einmal auf einem etwas anderen Gebiet formuliert worden ist, n\u00e4mlich (wie Fechner selber in den \u00abElementen\u00bb erw\u00e4hnt) von Leonhard Euler: Die empfundene Tonh\u00f6he steht im logarithmischen Verh\u00e4ltnis zur physikalischen Frequenz.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Gustav Theodor Fechner, Elemente der Psychophysik, Leipzig 1860<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> a. a. O, S. 64.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fechners (1801 \u2013 1887) Leben und Werk sind typisch f\u00fcr die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts und scheinen \u00e4usserlich unspektakul\u00e4r. Obwohl wie erw\u00e4hnt im heutigen Polen geboren, kommt Fechner kaum je aus den Mauern Leipzigs heraus, einer intellektuell \u00e4usserst regen Gemeinschaft, die ihm mit 83 Jahren gar die Ehrenb\u00fcrgerschaft verleiht. Die \u00e4ussere Ruhe macht es Fechner m\u00f6glich, ein umfangreiches physikalisches, psychologisches, philosophisches und \u2013 unter dem Pseudonym Dr. Mises \u2013 gar satirisches Werk vorzulegen. Gest\u00f6rt wird er dabei einzig durch ein Augenleiden, das ihn mit 38 Jahren zwingt, eine Physikprofessur aufzugeben und sich auf die Philosophie zu verlegen. Ansonsten verl\u00e4uft sein Leben so wohltuend unspektakul\u00e4r, wie es nur m\u00f6glich ist: Studium der Medizin an der Universit\u00e4t Leipzig, Herausgabe eines Hauslexikons im<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-379","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/379","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=379"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/379\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":381,"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/379\/revisions\/381"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=379"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}