{"id":383,"date":"2018-08-01T08:40:56","date_gmt":"2018-08-01T08:40:56","guid":{"rendered":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=383"},"modified":"2018-08-01T08:40:56","modified_gmt":"2018-08-01T08:40:56","slug":"helmholtz-und-der-aufstieg-der-physikalischen-physiologie","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=383","title":{"rendered":"Helmholtz und der Aufstieg der physikalischen Physiologie"},"content":{"rendered":"<p>Die zweite H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts ist zweifellos eine der produktivsten und interessantesten Epochen der abendl\u00e4ndischen Wissenschaftsgeschichte (in die Zeit f\u00e4llt ja auch Hanslicks Schrift vom \u00abMusikalisch-Sch\u00f6nen\u00bb). In der Musik\u00e4sthetik bedeutet das halbe Jahrhundert vor allem das Aufstossen einer T\u00fcre: der Zugang zur naturwissenschaftlichen im Allgemeinen und physiologisch orientierten Theorie der Musik im Besonderen.<\/p>\n<p>Alle andern \u00fcberragt dabei ein Universalgelehrter, der in seinem produktiven Schaffen Johann Sebastian Bach vergleichbar ist: der Physiker, Mediziner, Mathematiker und Physiologe Hermann von Helmholtz (1821 \u2013 1894). Seine Beitr\u00e4ge zum wissenschaftlichen Fortschritt erstrecken sich \u00fcber die mathematische Begr\u00fcndung des Energieerhaltungssatzes und Arbeiten zur Farbentheorie inklusive der Erfindung des Augenspiegels bis zur physiologischen Akustik. Letztere ist in seinem Klassiker \u00abDie Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage f\u00fcr die Theorie der Musik\u00bb<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> niedergelegt. Sie f\u00e4llt in die Zeit seines Wirkens in Heidelberg, wo er neben dem Chemiker Gustav Bunsen (einigen noch bekannt als Namensgeber des Bunsenbrenners) und dem Physiker Gustav Kirchhoff die moderne, physikalisch orientierte Wissenschaft vertritt, \u00fcbrigens bei einem f\u00fcr damalige Zeiten ungew\u00f6hnlich hohen Jahresgehalt von 3600 Gulden.<\/p>\n<p>Die wissenschaftliche Ausrichtung in Heidelberg hat durchaus auch politische Motive<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>: Nach der 1848er-Revolution ist der Staat bem\u00fcht, die materiellen Lebensbedingungen zu verbessern, um weitere Aufst\u00e4nde zu vermeiden. Die Wissenschaftler sollen dazu durch Optimierung der Landwirtschaft beitragen. An seinen Freund Emil Heinrich du Bois-Reymond schreibt Helmholtz denn auch 1858: \u00abIch f\u00fcrchte, dass die gesetzliche Bestimmung, welche das physiologische Praktikum zu einem Zwangskolleg f\u00fcr die Badenser macht, eine \u00dcbertreibung aufkl\u00e4rerischer Prinzipien ist und f\u00fcr mich sehr l\u00e4stig werden kann.\u00bb Die Heidelberger Zeit ist f\u00fcr Helmholtz aber nicht nur wissenschaftlich bewegt. In sie fallen auch zahlreiche kriegerische Auseinandersetzungen, an denen er teilweise teilnimmt: Im deutsch-franz\u00f6sischen Krieg 1870\/71 amtet er in der Schlacht von W\u00f6rth als Feldarzt.<\/p>\n<p>Die Arbeiten in der physikalischen Optik haben Helmholtz bereits zur Einsicht gebracht, dass sich nicht alle Ph\u00e4nomene der Physiologie allein mit physikalischen Mitteln erkl\u00e4ren lassen, sondern dass die Psychologie dabei ein wichtige Rolle spielt. In einer Festrede r\u00e4umt er 1862 beinahe widerwillig ein, dass \u00abdie Physiologie der Sinnesorgane \u00fcberhaupt in engste Verbindung mit der Psychologie tritt, indem sie in den Sinneswahrnehmungen die Resultate psychischer Processe nachweist.\u00bb Mit akustischen Problemen besch\u00e4ftigt sich Helmholtz erst nach Abschluss eines Handbuches zur physiologischen Optik, das ihn f\u00fcr das komplexe Wechselspiel zwischen Physik, Physiologie und Psychologie schon stark sensibilisiert hat.<\/p>\n<p>Die Basis f\u00fcr seine akustischen Untersuchungen ist die schon fr\u00fcher gewonnene Einsicht, dass die Nervenleitgeschwindigkeit eine endliche (und von der Temperatur abh\u00e4ngige) Gr\u00f6sse ist. Damit kann Helmholtz auch zeigen, dass die Vermutung du Bois-Reymonds, dass der elektrische Nervenimpuls eine molekulare Fortsetzung hat, richtig sein muss. Diese Argumente bilden einen wichtigen Sieg der physikalischen Sicht der Psychologie \u00fcber metaphysische Konstruktionen, wie sie der damalige Vitalismus darstellt. Schliesslich kann Helmholtz zeigen, dass der musikalische Klang auf Obert\u00f6nen fusst und dass das Ohr komplexe Obertonmixturen wahrnehmen kann. Helmholtz st\u00f6sst damit auch ein Prinzip vom Sockel, das fr\u00fcher vom Physiker Georg Simon Ohm (1789 \u2013 1854) aufgestellt worden ist. Es besagt, dass das menschliche Ohr bloss einfache harmonische Schwingungen wahrnehmen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Mit der \u00abLehre von den Tonempfindungen\u00bb scheint Helmholtz\u2019 Interesse an der Physiologie ersch\u00f6pft. Sp\u00e4ter wechselt er von Heidelberg nach Berlin, wo er sich bloss noch mit mathematisch-physikalischen Fragen besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Im Vorwort der \u00abLehre \u00bb skizziert Helmholtz die k\u00fcnftige Strukturierung der Untersuchung des H\u00f6rens:<\/p>\n<blockquote><p>Die Untersuchung der Vorg\u00e4nge in jedem unserer Sinnesorgane hat im Allgemeinen drei verschiedene Teile. Zun\u00e4chst ist zu untersuchen, wie das Agens, welches die Empfindung erregt, also im Auge das Licht, im Ohre der Schall, bis zu den empfindenden Nerven hingeleitet wird. Wir k\u00f6nnen diesen ersten Teil den physikalischen Teil der entsprechenden physiologischen Untersuchung nennen. Zweitens sind die verschiedenen Erregungen der Nerven selbst zu untersuchen, welche verschiedenen Empfindungen entsprechen, und endlich die Gesetze, aus welchen aus solchen Empfindungen Vorstellungen bestimmter \u00e4usserer Objekte, d. h. Wahrnehmungen, zu Stande kommen. Das gibt also noch zweitens einen vorzugsweise physiologischen Teil der Untersuchung, der die Empfindungen und drittens einen psychologischen, der die Wahrnehmungen behandelt.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Einer seiner Assistenten in der Heidelberger Zeit ist \u00fcbrigens Wilhelm Wundt. Wundt gr\u00fcndet 1879 in Leipzig das erste Institut f\u00fcr experimentelle Psychologie der Wissenschaftsgeschichte und wird damit zum Vater praktisch aller folgenden Musikpsychologen.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Hermann von Helmholtz, Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage f\u00fcr die Theorie der Musik, Braunschweig, 1863<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Peter Borscheid, Naturwissenschaft, Staat und Industrie in Baden (1818-1914), 1976<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> a.a.O., Seite 6<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die zweite H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts ist zweifellos eine der produktivsten und interessantesten Epochen der abendl\u00e4ndischen Wissenschaftsgeschichte (in die Zeit f\u00e4llt ja auch Hanslicks Schrift vom \u00abMusikalisch-Sch\u00f6nen\u00bb). In der Musik\u00e4sthetik bedeutet das halbe Jahrhundert vor allem das Aufstossen einer T\u00fcre: der Zugang zur naturwissenschaftlichen im Allgemeinen und physiologisch orientierten Theorie der Musik im Besonderen. Alle andern \u00fcberragt dabei ein Universalgelehrter, der in seinem produktiven Schaffen Johann Sebastian Bach vergleichbar ist: der Physiker, Mediziner, Mathematiker und Physiologe Hermann von Helmholtz (1821 \u2013 1894). Seine Beitr\u00e4ge zum wissenschaftlichen Fortschritt erstrecken sich \u00fcber die mathematische Begr\u00fcndung des Energieerhaltungssatzes und Arbeiten zur Farbentheorie inklusive der Erfindung des Augenspiegels bis zur physiologischen Akustik. 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