{"id":412,"date":"2018-08-01T09:15:06","date_gmt":"2018-08-01T09:15:06","guid":{"rendered":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=412"},"modified":"2018-08-01T09:15:06","modified_gmt":"2018-08-01T09:15:06","slug":"boetius-und-die-stagnation-des-denkens","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=412","title":{"rendered":"Boetius und die Stagnation des Denkens"},"content":{"rendered":"<p>Durchs Mittelalter hindurch orientiert sich die europ\u00e4ische Musikwelt vor allem an einem Werk, den \u00abF\u00fcnf B\u00fcchern \u00fcber die Musik\u00bb von Boetius (ca. 480 \u2013 524 n. Chr.), der sich wiederum haupts\u00e4chlich auf Ptolem\u00e4us abst\u00fctzt. Von dem neuplatonischen Denker ist breiteren Kreisen in erster Linie die Schrift \u00abTrost der Philosophie\u00bb bekannt. Das Leben von Boetius ist recht bewegt. Dem Sohn eines r\u00f6mischen Konsuls wird eine sorgf\u00e4ltige Erziehung angediehen, die ihn zu einem der gebildetsten M\u00e4nner Roms macht. Der Ostgotenk\u00f6nig Theoderich \u00fcbertr\u00e4gt ihm schon in jungen Jahren die Regulierung des M\u00fcnzwesens, und der Burgunderk\u00f6nig Gunobald erbittet von ihm eine Wasser- und Sonnenuhr. Der hochgeachtete, selber zum Konsul ernannte Wissenschaftler f\u00e4llt sp\u00e4ter in Ungnade und wird des Hochverrats angeklagt. Der \u00abTrost der Philosophie\u00bb entsteht im Kerker vor seiner Hinrichtung in Pavia.<\/p>\n<p>Boetius popularisiert die bis weit in die Neuzeit vorherrschende Einteilung der Musik in musica mundana, musica humana und musica instrumentalis. Die erste ist die Musik des Weltalls oder die Sph\u00e4renmusik, die zweite ist Widerspiegelung der ersten in den menschlichen Dimensionen und die dritte diejenige, die von Menschen erzeugt wird. F\u00fcr den Beweis der Existenz einer musica mundana greift Boetius zum logischen Schluss des Widerspruchs: Wie wir alle am Himmel beobachten k\u00f6nnen, bewegen sich die Gestirne \u00fcberaus schnell; es ist unvorstellbar, dass eine solche Bewegung keine T\u00f6ne erzeugt. Da nun die Bahnen der Gestirne in harmonischen Verh\u00e4ltnissen zueinander stehen, erklingt sogar eine harmonische Musik.<\/p>\n<p>Das musik\u00e4sthetisch interessanteste Kapitel der \u00abF\u00fcnf B\u00fccher\u00bb ist das 34. des ersten Buches mit dem Titel \u00abWas ein Musiker ist\u00bb. Hier sorgt Boetius daf\u00fcr, dass die Geringsch\u00e4tzung des praktischen Musikers durchs ganze Mittelalter hindurch bis weit in die Neuzeit gewahrt bleibt. Es ist, meint er, \u00abbedeutend wichtiger und erhabener, das zu wissen, was jeder praktische K\u00fcnstler tut, als selbst es zu machen.\u00bb Die Wissenschaft ist \u00abdie Herrin der praktischen Ausf\u00fchrung\u00bb. Die Privilegierung des Geistigen geht bei Boetius so weit, dass er behauptet, die wissenschaftliche Forschung bed\u00fcrfe der praktischen Ausf\u00fchrung nicht. Unter Umst\u00e4nden st\u00f6rt sie diese sogar, etwa, wenn die exakten Intervallverh\u00e4ltnisse bestimmt werden m\u00fcssen. Das Ohr t\u00e4uscht sich immer, bloss die logische Betrachtung f\u00fchrt zur Erkenntnis der wahren Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Die mittelalterliche Hierarchie der Musiker gestaltet sich nach Boetius demnach folgendermassen:<\/p>\n<blockquote><p>Es gibt also drei Klassen, welche sich mit der Musik besch\u00e4ftigen. Die eine besch\u00e4ftigt sich mit dem Spielen von Instrumenten, die andere komponiert Lieder, die dritte beurteilt die Instrumentalleistungen und die Komposition der Lieder.<\/p>\n<p>Diejenigen nun der erstgenannten Klasse, also die sich mit Spielen der Instrumente besch\u00e4ftigen und alle M\u00fche darauf verwenden, zum Beispiel die Zitherspieler, oder diejenigen, welche auf der Orgel oder den \u00fcbrigen musikalischen Instrumenten ihre Kunst beweisen, sind von einer tieferen Einsicht in die musikalische Wissenschaft weit entfernt, weil sie, so zu sagen, nur dienen und keine Wissenschaft in Anwendung bringen, sondern ganz und gar unteilhaftig aller Erforschung sind. Die zweite Klasse der Musiktreibenden ist die der Komponisten, welche mehr durch einen nat\u00fcrlichen Instinkt zur Verfertigung eines Liedes gelangt, als durch wissenschaftliche Forschung, weswegen auch diese Klasse von der Musik (n\u00e4mlich als Wissenschaft betrachtet) zu trennen ist. Die dritte Klasse ist die, welche sichere Erfahrung der Urteilskraft besitzt, so dass sie Rhythmus, Melodie und die ganze Komposition abw\u00e4gen kann. Diese Klasse nun, da sie sich ganz und gar mit wissenschaftlicher Erforschung besch\u00e4ftigt, geh\u00f6rt eigentlich zur Musik. Der also ist ein Musiker, welcher die F\u00e4higkeit besitzt, gem\u00e4ss der wissenschaftlichen Erforschung und Regel in der Musik \u00fcber Tonart und Rhythmus, \u00fcber Klanggeschlechter und deren Vermischung, \u00fcber die Lieder der Composition, kurz \u00fcber alles zu urteilen, was wir sp\u00e4ter entwickeln werden.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Heute sieht man das vermutlich nicht mehr so eng.<\/p>\n<p>Zu Beginn des f\u00fcnften Buches legt Boetius detailliert dar, was von der praktischen Erfahrung zu halten ist. Die harmonische F\u00e4higkeit hat zwei Instrumente, das Gef\u00fchl und die Vernunft. Das Gef\u00fchl nimmt zwar etwas wahr, aber noch ungenau und verworren. Erst die Vernunft erkennt auf Grund der Gef\u00fchlserlebnisse und deren Interpretation die Wahrheit.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis zwischen Gef\u00fchl und Vernunft illustriert Boetius mit folgendem Beispiel: Zu einer gegebenen Linie eine gr\u00f6ssere oder kleinere zu finden, ist f\u00fcr den Sinn einfach. Will man nach einer bestimmten Messung eine um ein bestimmtes Mass gr\u00f6ssere oder kleinere finden, so hilft nur geistige Arbeit: Man muss messen und dazu eine Masstheorie haben, deren Richtigkeit man logisch gezeigt hat.<\/p>\n<p>Erst Jahrhunderte nach Boetius beginnen sich der Musik\u00e4sthetik \u2013 mit dem schottischen M\u00f6nch Johannes Scotus Eriugena \u2013 neue Aspekte zu \u00f6ffnen: Eriugena versucht, die neuplatonischen Ideen mit christlichem Denken unter einen Hut zu bringen. Auch Eriugenas Leben ist bewegt. Er wird um etwa 800 als Schotte in Irland geboren und von Karl dem Kahlen 843 mit der Leitung einer Schule in Paris betraut. Dort spielt er eine Schl\u00fcsselrolle im ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Universalienstreit der Nominalisten und Realisten.<\/p>\n<p>Das Universalienproblem entsteht aus der Konfrontation der Werke Platons und Aristoteles\u2019. Platon stellte sich auf den <em>realistischen<\/em> Standpunkt, dass Allgemeinbegriffe oder \u00abIdeen\u00bb die wahre Wirklichkeit ausmachten, Aristoteles sah die Allgemeinbegriffe bloss als abstrakte Namen und meinte als <em>Nominalist<\/em>, nur die Einzeldinge seien wirklich. Eriugena selber nimmt eine dezidiert realistische Position ein, was ihm prompt den Vorwurf des Ketzers eintr\u00e4gt, der bloss \u00abSchottischen Porridge\u00bb produziere. Seine Grundthese ist, dass biblische Offenbarung und rationale Philosophie einander gleichberechtigt gegen\u00fcber stehen, die rationale Philosophie als Verk\u00f6rperung der Vernunft aber den Vorzug habe, wenn beide in Widerspruch gerieten (das Motiv findet sich \u00fcbrigens in Umberto Ecos Bestseller \u00abDer Name der Rose\u00bb wieder, der mit Sean Connery in der Hauptrolle verfilmt worden ist). Derartige Ideen werden von klerikaler Seite als Angriff auf die eigene Macht verstanden. Die katholische Kirche hat sich \u00fcbrigens erst sehr sp\u00e4t mit dem Primat der Wissenschaft \u00fcber die Theologie abgefunden.<\/p>\n<p>Eriugena hat sich auch als \u00dcbersetzer des omin\u00f6sen \u00abCorpus Dionysiacum\u00bb des Dionysos Areopagita seine Meriten verdient. Sie inspiriert ihn zu seinem Werk \u00abDe divisione naturae\u00bb, das in die christliche Theologie eine neuplatonische Hierarchie einf\u00fchrt. Vor allem aber bringt er eine neue Perspektive ins Gef\u00fcge der Sph\u00e4renharmonie. In Eriugenas Kosmologie drehen sich bloss noch der Mond, Saturn und die Fixsternsph\u00e4re um die Erde. Die andern Planeten kreisen um die Sonne, die wiederum ebenfalls um die Erde kreist:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-413 aligncenter\" src=\"https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/boetius-295x300.jpg\" alt=\"\" width=\"295\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/boetius-295x300.jpg 295w, https:\/\/musikphilosophie.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/boetius.jpg 576w\" sizes=\"auto, (max-width: 295px) 100vw, 295px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Das Weltbild des Johannes Scotus Eriugena:<\/em><br \/>\n<em>Mond, Sonne, Saturn und Fixsterne kreisen um die Erde,<\/em><br \/>\n<em>die restlichen Planeten um die Sonne.<\/em><\/p>\n<p>Seine Er\u00f6rterungen zur eigentlichen Sph\u00e4renharmonie sind allerdings sehr sp\u00e4rlich, sie finden sich bloss in Kommentaren zum Werk des Denkers Martianus Capella. Nach seiner \u00dcberzeugung dreht sich die Fixsternsph\u00e4re am schnellsten um die Erde, gefolgt von Mond. Am langsamsten ist Saturn. Sein System der zugeordneten Intervalle hat eine Spannweite von zwei Oktaven. Zudem geht er davon aus, dass der von den Sph\u00e4ren erzeugte Klang nicht statisch ist, sondern von der Stellung der Planeten abh\u00e4ngig bleibt. Wenn zum Beispiel Sonne und Saturn am weitesten voneinander entfernt sind, erzeugen sie eine Oktave, wenn sie sich am n\u00e4chsten sind, eine Quarte. Bis ins 15. Jahrhundert sollte dies die einzige echte Modifikation am System der Sph\u00e4renharmonie bleiben. Erst 1434 entwickelt Giorgio Anselmi von Parma wieder eine dem Zeitgeist folgende Konzeption eines Himmelsklanges \u2013 als kontrapunktisches Zusammenspiel.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Boetius, F\u00fcnf B\u00fccher, I\/Kap. XXXIV, \u00fcbersetzt von Oscar Paul, Leipzig 1872, Reprint bei Georg Olms Verlag, Hildesheim 1985<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durchs Mittelalter hindurch orientiert sich die europ\u00e4ische Musikwelt vor allem an einem Werk, den \u00abF\u00fcnf B\u00fcchern \u00fcber die Musik\u00bb von Boetius (ca. 480 \u2013 524 n. Chr.), der sich wiederum haupts\u00e4chlich auf Ptolem\u00e4us abst\u00fctzt. Von dem neuplatonischen Denker ist breiteren Kreisen in erster Linie die Schrift \u00abTrost der Philosophie\u00bb bekannt. Das Leben von Boetius ist recht bewegt. Dem Sohn eines r\u00f6mischen Konsuls wird eine sorgf\u00e4ltige Erziehung angediehen, die ihn zu einem der gebildetsten M\u00e4nner Roms macht. Der Ostgotenk\u00f6nig Theoderich \u00fcbertr\u00e4gt ihm schon in jungen Jahren die Regulierung des M\u00fcnzwesens, und der Burgunderk\u00f6nig Gunobald erbittet von ihm eine Wasser- und Sonnenuhr. 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