{"id":53,"date":"2018-07-24T21:04:30","date_gmt":"2018-07-24T21:04:30","guid":{"rendered":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=53"},"modified":"2018-07-24T21:16:16","modified_gmt":"2018-07-24T21:16:16","slug":"die-sprachmetapher-der-musik","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/musikphilosophie.ch\/?page_id=53","title":{"rendered":"Die Sprachmetapher der Musik"},"content":{"rendered":"<h3>Harmonik als grammatikalische Grundstruktur<\/h3>\n<p>Die Grundlagen f\u00fcr das Dur\/Moll-System, das die abendl\u00e4ndische Tonkunst in der Neuzeit bestimmen wird, hat der Musiktheoretiker Zarlino bereits Mitte des 16.Jahrhunderts gelegt. Die Ideen zu einer ausgewachsenen Theorie der modernen Harmonik bleiben allerdings dem franz\u00f6sischen Komponisten und Theoretiker Rameau vorbehalten. Von ihm stammen die wesentlichen Pfeiler, die lange unverr\u00fcckbar bleiben und erst Ende des 19.Jahrhunderts von Hugo Riemann weiterentwickelt werden. Er denkt ein Projekt konsequent durch, das in der Renaissancezeit mehr oder weniger explizit in Angriff genommen worden ist: die Fundierung der Musik auf einem System der Grammatik.<\/p>\n<p>Um aufzuzeigen, wie die Grammatik-Metapher in der Musik funktioniert, braucht es in erster Linie zwei Typen von Grammatiken. Die eine \u2013 als \u00abWebgrammatik\u00bb bezeichnet \u2013 wird heute vor allem auch in der Beschreibung formaler Sprachen in mathematischer Modelltheorie oder theoretischer Informatik genutzt. Die zweite, die \u00abgenerative Grammatik\u00bb, soll uns etwas sp\u00e4ter in diesem Kapitel besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Eine Webgrammatik besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen:<\/p>\n<ol>\n<li>Aus Grundelementen, die bloss einzelne Zeichen, aber auch ganze W\u00f6rter sein k\u00f6nnen. F\u00fcr unsere Zwecke lassen wir offen, was genau zutrifft.<\/li>\n<li>Aus Regeln, die angeben, wie man aus den Grundelementen weitere Elemente (\u00abS\u00e4tze\u00bb) produziert.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ein Beispiel: Man verf\u00fcge \u00fcber f\u00fcnf Grundelemente und eine Regel:<\/p>\n<p>Ding = {Hund, Katze, Maus}<br \/>\nT\u00e4tigkeit = {packt, \u00e4rgert}<\/p>\n<p>Regel: Ein Satz wird folgendermassen gebildet: &lt;Ding T\u00e4tigkeit Ding&gt;<\/p>\n<p>In dem Minibeispiel sind unter anderem \u00abHund packt Katze\u00bb und \u00abKatze packt Maus\u00bb, aber auch \u00abMaus \u00e4rgert Hund\u00bb und sogar \u00abMaus packt Hund\u00bb der Regel entsprechend gebildete S\u00e4tze, nicht aber \u00abMaus frisst Hund Katze\u00bb oder \u00abKatze \u00e4rgert\u00bb. Wenn man Dinge und Regeln verfeinert und komplexer macht, kann man immer differenziertere S\u00e4tze zulassen. So k\u00f6nnte zum Beispiel eine Regel eingef\u00fcgt werden, nach der aus einer T\u00e4tigkeit eine neue erzeugt werden kann, indem man an sie ein \u00ab-e\u00bb anh\u00e4ngt. Dann w\u00e4ren S\u00e4tze wie \u00abHund \u00e4rgerte Maus\u00bb m\u00f6glich, die man als Vergangenheitsform deuten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Webgrammatiken bilden das exakt ab, was wir intutitiv als Bilden von S\u00e4tzen oder als korrektes Sprechen bezeichnen. Wir reihen nach bestimmten Regeln Grundbausteine (W\u00f6rter) aneinander, und der Sinn des Satzes, den wir \u00e4ussern, h\u00e4ngt offensichtlich einerseits von den verwendeten W\u00f6rtern ab, anderseits von der Art, wie sie aneinandergereiht werden. In der Musik machen wir scheinbar etwa \u00c4hnliches: Wir reihen Grundelemente (Akkorde, melodische Motive) aneinander, und der musikalische \u00abSinn\u00bb (was auch immer das sein soll) \u00e4ndert sich, je nachdem, welche Akkorde und Motive wir verwenden und in welcher Reihenfolge sie stehen. Bestimmte Reihenfolgen sind dabei unmusikalisch. Welche, dar\u00fcber entscheiden die Regeln, die sich in Lehrb\u00fcchern der Harmonik und des Kontrapunktes finden. Ein solches System funktioniert allerdings erst dann in einem grammatischen Sinn, wenn die Grundelemente in Form eines Vokabulars standardisiert sind und dar\u00fcber in einer Gemeinschaft ein Konsens besteht. Auf der Ebene der Syntax ist dies im praktischen Alltag weitgehend der Fall: Klassische Harmonik, Jazzharmonik und andere Systeme standardisieren musikalische Elemente derart, dass sich Musiker \u00fcber musikalische Elemente im Rahmen sinnvoller Konventionen austauschen k\u00f6nnen \u2012 etwa in Form von Akkordsymbolen oder Namen f\u00fcr Rhythmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Harmonik als grammatikalische Grundstruktur Die Grundlagen f\u00fcr das Dur\/Moll-System, das die abendl\u00e4ndische Tonkunst in der Neuzeit bestimmen wird, hat der Musiktheoretiker Zarlino bereits Mitte des 16.Jahrhunderts gelegt. Die Ideen zu einer ausgewachsenen Theorie der modernen Harmonik bleiben allerdings dem franz\u00f6sischen Komponisten und Theoretiker Rameau vorbehalten. Von ihm stammen die wesentlichen Pfeiler, die lange unverr\u00fcckbar bleiben und erst Ende des 19.Jahrhunderts von Hugo Riemann weiterentwickelt werden. 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