Die Weltentstehungstheorien des Rigveda finden ein Echo in den Werken Platons – wie Platon selber erwähnt über den Umweg der ägyptischen Philosophie –, vor allem in den Dialogen Timaios, Kritias und dem achten Buch des «Staates».
Im diesem achten Buch entwirft Sokrates im Dialog mit Glaukos ein System der möglichen Staatsformen. Die Betrachtung beginnt mit der Timokratie, das heisst, einer Form, in der die Bürgerrechte von Einkommen und Vermögen abhängig sind. Am Anfang dieser Beschreibung wiederum steht wie ein Fremdkörper eine Legende um die richtige Fortpflanzung des Volkes:
Eures Geschlechtes fruchtbare und unfruchtbare Zeiten werden die Führer des Staates, mögt ihr sie auch zu Weisen erzogen haben, nicht durch Verstand noch Gefühl richtig treffen. Der richtige Augenblick eilt an ihnen vorbei, und so zeugen sie Kinder zur Unzeit. Dem göttlich Gezeugten ist ein Umlauf gesetzt, den die vollendete Zahl ihm bestimmt, für den sterblich Gezeugten aber jene Zahl, in der sich als der ersten Zahl Wurzeln und Potenzen vervielfältigen, in drei Dimensionen und vier Grenzen; Gleichheit und Ungleichheit, Mehrung und Minderung schaffen sie, und alles machen sie einander proportional und rational; ihr Grundverhältnis drei zu vier, vermählt mit der Fünf, schenkt, dreimal vermehrt, zwei Harmonien; die eine ist von gleichvielmal gleichen Zahlen, hundert ebenso oft genommen; die andere, quadratisch einerseits, rechteckig andererseits; in einer Hinsicht hundertmal das Quadrat aus den rationalen Diagonalen der Fünf, aber jede um eins vermindert, die irrationalen um zwei, in der andern Hinsicht hundert Würfel der drei. Dieses also die Zahl, geometrisch gefasst, die Herrin der guten, der schlechten Geburten![1]
Der Platon-Forscher James Adams legte 1902 seine Untersuchungen und Deutungen dieser Zahlenangaben vor. Seine Interpretation sieht folgendermassen aus:
| …drei zu vier, vermählt mit der Fünf… | 3*4*5 = 60 |
| …dreimal vermehrt… | 604 = 12 960 000. Hoch vier, weil damit die erste Zahl dreimal vermehrt wird. |
Der gleiche Wert ergibt sich, wenn man die zwei weiteren von Platon beschriebenen Verfahren anwendet:
| …ist von gleichvielmal (sechs) gleichen Zahlen, hundert ebenso oft genommen; die andere… | 36*100 = 3600 |
| …quadratisch einerseits… | 36002 = 12 960 000 |
| … das Quadrat aus den rationalen Diagonalen der Fünf… | die Diagonale eines Quadrates mit Seitenlänge 5 wäre die Wurzel aus 50, also eine irrationale Zahl. Die rationale Annäherung ist die Wurzel aus 49, also die 7. |
| …aber jede um eins vermindert, die irrationalen um zwei… | 50-2 = 48 |
| hundertmal | 48*100 = 4800 |
| …in der andern Hinsicht hundert Würfel der drei… | 33*100 = 2700 |
| …rechteckig andererseits… | 2700*4800 = 12 960 000 |
Das Ganze ergibt eine seltsame Mischung aus pythagoreischer Zahlensymbolik und sokratischer Staatstheorie, in dem das indische Vorbild noch durchzuschimmern scheint.
Noch offensichtlicher werden derartige Verwandtschaften – und der Bezug zur Musik – im zehnten Buch des «Staates», in dem die Geschichte von Er, die Erlebnisse eines gefallenen Kriegers im Jenseits, erzählt wird. Im diesem, den «Staat» abschliessenden Mythos liefert Platon eine gewaltige Beschreibung der Sphären und der von ihnen erzeugten Musik:
Nach vier Tagen kamen sie an einen Ort, von wo sie ein Licht erblickten, das sich von oben durch den ganzen Himmel und die Erde spannte, ganz gerade wie eine Säule, ganz ähnlich einem Regenbogen, nur prächtiger und klarer; nach einem weiteren Tag kamen sie zu ihm, und dort in der Mitte des Lichtes, sahen sie die Enden seiner Bänder an den Himmel gebunden. Dieses Licht ist nämlich das Band des Himmels, ähnlich der Gurten der Kriegsschiffe, und hält das ganze schwingende Gewölbe zusammen. An diesen Enden ist die Spindel der Notwendigkeit befestigt, durch die alle Umdrehungen geschehen. Schaft und Widerhaken sind aus Stahl, der Wirtel (Quirl) aber gemischt aus Stahl und anderen Stoffen. Die Beschaffenheit des Wirtels ist folgende: Die äussere Form entspricht der unserer Wirtel; seinen Worten muss man entnehmen, dass er so aussieht, wie wenn in einem grossen und durch und durch ausgehöhlten Wirtel ein anderer kleinerer drinnen sei, der so gut wie ein Eimer in den andern hineinpasse; und ebenso ein dritter, vierter und weitere vier. Im ganzen sind es nämlich acht Wirtel, die ineinandergefügt sind und von oben ihre Ränder wie Kreise erscheinen lassen, um den Schaft aber die zusammenhängende Fläche eines einzigen Wirtels bilden; der Schaft ist mitten durch den achten Wirtel hindurchgetrieben. Der erste und äusserste Wirtel hat den breitesten Randkreis, dann folgt in der Breite der sechste, dann der vierte, hierauf der achte, siebente, fünfte, dritte und zuletzt der zweite Wirtel. Der Kreis des grössten ist bunt, der des siebten am prächtigsten, der achte hat die Farbe des siebten, der ihn beleuchtet, die Kreise des zweiten und fünften sind einander ähnlich, doch heller als jene, der dritte hat die weisseste Farbe, der vierte ist rötlich, der sechste am zweithellsten. Die ganze Spindel schwingt in einer Kreisbewegung, jedoch die inneren sieben Wirtel schwingen bei dieser Drehung langsam in umgekehrter Richtung. Am schnellsten bewegt sich der achte, am zweitschnellsten und zugleich miteinander der siebte, der sechste und fünfte, am drittschnellsten bewegt sich, wie es ihnen erschien, der vierte, dann der dritte und zweite. Die Spindel aber dreht sich im Schoss der Notwendigkeit. Oben auf jedem der Kreise steht eine Sirene, die sich mitdreht und einen einzigen Ton von sich gibt. Aus allen acht klingt eine einzige Symphonie zusammen. Ringsum in gleichen Abständen auf je einem Thron sitzen die drei Töchter der Notwendigkeit, die Moiren, in weissem Gewande, mit heiligen Binden im Haar: Lachesis, Klotho und Atropos. Sie stimmen ihr Lied zum Gesang der Sirenen an, Lachesis über die Vergangenheit, Klotho über die Gegenwart und Atropos über die Zukunft. Und Klotho greift mit der rechten Hand an die Spindel und hilft der äusseren Umdrehung nach, immer wieder unterbrechend, Atropos macht es ebenso, mit der linken Hand an der inneren Umdrehung. Lachesis aber greift von Zeit zu Zeit in beide ein, bald da, bald dort.[2]
Die acht Himmelssphären sind die Fixsterne, Saturn, Jupiter, Mars, Merkur, Venus, Sonne und Mond. Sie sind blosse Halbkugeln, die ihren Planeten entsprechende Farben tragen. Dies kann man einer Anmerkung des Übersetzers Karl Vretska zu der Passage entnehmen[3].
Die für den Mythos der Sphärenharmonie gewichtigsten Stellen in Platons Werk sind jedoch die beiden späten Dialoge Timaios und Kritias, in denen die eigentliche platonische Kosmologie entworfen wird. Im Kritias findet sich überdies der berühmt-berüchtigte Atlantis-Mythos.
Im Timaios erklärt der Erzähler wie bereits erwähnt, dass seine Geschichte auf eine ägyptische Überlieferung zurückgeführt werden müsse. Dann entwirft er ein grandioses Bild von der Entstehung der Welt, die er als lebenden Organismus auffasst. Die «Weltseele» entsteht aufgrund arithmetischer Operationen aus einer Ursubstanz:
Zwischen dem unteilbaren, keinem Wechsel unterworfenen Sein und dem teilbaren, in den Körpern werdenden mischte er aus beiden eine dritte Gattung des Seins; was aber wiederum die Natur des Selben und die des Verschiedenen angeht, so stellte er auch bei diesen je eine dritte Gattung zusammen zwischen dem Unteilbaren von ihnen und dem in den Körpern Geteilten. Und diese drei nahm er und vereinte alle zu einer Gestalt, indem er die schwer vereinbare Natur des Verschiedenen gewaltsam mit der des Selben in Einklang brachte und sie mit dem Sein vermischte. Und als er aus Dreien Eins gemacht hatte, teilte er dieses Ganze wieder in soviele Teile, als sich geziemte, deren jeder aus dem Selben, dem Verschiedenen und dem Sein gemischt war. Er begann aber folgende Teilung. Zuerst entnahm er einen Teil dem Ganzen, dann das Doppelte desselben, als Dritten das Anderthalbmalige des zweiten, aber Dreifache des ersten, als vierten das Doppelte des zweiten, als fünften das Dreifache des dritten, als sechsten das Achtfache des ersten, als siebenten das Siebenundzwanzigfache des ersten; darauf füllte er die zweifachen und dreifachen Abstände dadurch aus, dass er noch mehr Teile abschnitt und sie zwischen dieselben stellte, so dass sich zwischen jedem Abstande zwei Mittelglieder befanden, deren eines um denselben Teil der äussern das eine äussere übertraf, um welchen es von den andern übertroffen wurde, das andere dagegen um die gleiche Zahl das eine übertraf und dem andern nachstand; da nun durch diese Verknüpfungen zwischen den ersten Abständen anderthalb-, vierdrittel und neunachtelmalige Abstände entstanden, füllte er mit dem neunachtelmaligen Abstande alle vierdritteligen aus, indem er von jedem derselben einen Teil zurückliess. Das Zahlenverhältnis des von diesem Abstande zurückgebliebenen Teiles aber verhielt sich wie zweihundertsechsundfünfzig zu zweihundertdreiundvierzig, und so war also die Mischung, von der er diese Teile abgeschnitten hatte, bereits ganz verwendet. Indem er nun diese gesamte Zusammenfügung der Länge nach zweifach spaltete, die Mitte der einen an die andern in der Gestalt eines Chi (X) fügte, bog er sie zusammen und verband sie durch einen Kreis in eins, jede nämlich der Stelle des (ersten) Zusammentreffens gegenüber mit sich selbst und mit der andern, umschloss sie rings durch die gleichförmige und in einem Raume kreisende Bewegung und führte den einen der Kreise von innen, den andern von aussen herum. Die äussere Bewegung sollte, gebot er, der Natur des Selben, die innere aber der des Verschiedenen angehören. Die des Selben führte er längs der Seite rechts herum, die des Verschiedenen der Diagonale nach links. Doch das Übergewicht verlieh er der Umkreisung des Selben und Ähnlichen; denn sie allein liess er ungespalten, die innere dagegen spaltete er sechsmal in sieben ungleiche Kreise, jede nach den Abständen des Zwei- und Dreifachen, deren je drei sind, und gebot den Kreisen, einander entgegen zu rollen, dreien nämlich mit ähnlicher, den vier übrigen aber mit einer unter sich selbst und jenen dreien unähnlichen, aber verhältnismässigen Schnelligkeit. (Timaios 8, 33/34)
Es lohnt sich, die einzelnen Aussagen genauer zu analysieren, um zu sehen, dass hier offensichtlich Anlehnungen an die Konstruktion einer Tonleiter zu finden sind. Im folgenden meine eigene Interpretation:
| …zuerst entnahm er einen Teil dem Ganzen, dann das Doppelte desselben, als Dritten das Anderthalbmalige des zweiten, aber Dreifache des ersten, als vierten das Doppelte des zweiten, als fünften das Dreifache des dritten, als sechsten das Achtfache des ersten, als siebenten das Siebenundzwanzigfache des ersten | Beschreibung einer Reihe 1 – 2 – 3 – 4 – 9 – 8 – 27 |
| …darauf füllte er die zweifachen und dreifachen Abstände dadurch aus, dass er noch mehr Teile abschnitt und sie zwischen dieselben stellte, so dass sich zwischen jedem Abstande zwei Mittelglieder befanden, deren eines um denselben Teil der äussern das eine äussere übertraf, um welchen es von den andern übertroffen wurde, das andere dagegen um die gleiche Zahl das eine übertraf und dem andern nachstand… | Hier scheint es sich um das Aufteilen der Oktave mit Hilfe zweier Quinten zu handeln. Diese überlappen sich in der Mitte um genau einen Ganzton, woraus die folgenden Verhältnisse von 2:3, 3:4 und 8:9 entstehen, nämlich als Aufteilung der Oktave in Quart, Ganzton und Quart z. B. C – f – g – c |
| …da nun durch diese Verknüpfungen zwischen den ersten Abständen anderthalb-, vierdrittel und neunachtelmalige Abstände entstanden… | Es ergeben sich die Verhältnisse 2:3, 3:4 und 8:9 (entsprechen Quint, Quart und Ganzton!) |
| …füllte er mit dem neunachtelmaligen Abstande alle vierdritteligen aus, indem er von jedem derselben einen Teil zurückliess. Das Zahlenverhältnis des von diesem Abstande zurückgebliebenen Teiles aber verhielt sich wie zweihundertsechsundfünfzig zu zweihundertdreiundvierzig… | Zwei Ganztöne (8:9) und ein Halbton (243:256) ergeben eine Quart (3:4), wie die Multiplikation zeigt: 8/9*8/9*243/256 = 3/4 (damit werden die zwei Tetrachorde der griechischen Musiktheorie definiert.) |
Diese Interpretation weicht etwas von den üblichen ab – ohne eine Anspruch auf Korrektheit zu erheben. Das Ganz bleibt ein alternativer Vorschlag. Die gängigen Interpretationen – bis zurück zum Handbuch von Nikomachus – sehen in der Passage «so dass sich zwischen jedem Abstande zwei Mittelglieder befanden, deren eines um denselben Teil der äussern das eine äussere übertraf, um welchen es von den andern übertroffen wurde» die Konstruktion von harmonischem und arithmetischem Mittel.
Was nun in dem Text folgt (die Konstruktion des Chi), ist ausgesprochen schwerverdauliche Kost, und es fällt auch auf, dass beinahe alle Kommentatoren an dieser Stelle ins Stolpern geraten, sich in Absurditäten retten oder von einer durchaus luziden Deutung plötzlich in undurchsichtige Argumentationen fallen. Wir schieben deshalb die Diskussion kurz auf, um uns dem darauf folgenden zuzuwenden. Dieses scheint wieder recht klar zu sein. Aus der Konstruktion der Tonleiter leitet Platon nun – nachdem er auf eben diese schwer durchschaubare Weise von Intervallverhältnissen zu einem Gebilde aus mehreren konzentrischen Kreisen gekommen ist – den Bau der «Weltseele» oder des Weltganzen ab, nämlich das Weltall und unser Planetensystem, auf das er im späteren Dialog explizit Bezug nimmt:
| …umschloss sie rings durch die gleichförmige und in einem Raume kreisende Bewegung und führte den einen der Kreise von innen, den andern von aussen herum. Die äussere Bewegung sollte, gebot er, der Natur des Selben, die innere aber der des Verschiedenen angehören… | Die äussere Bewegung des Selben meint vermutlich den Sternentag, die innere, durch die Jahreszeiten differenzierte (Verschiedenen) das Sonnenjahr. |
| Die des Selben führte er längs der Seite rechts herum, die des Verschiedenen der Diagonale nach links. Doch das Übergewicht verlieh er der Umkreisung des Selben und Ähnlichen, denn sie allein liess er ungespalten… | Die äusseren Grosskreise des Modells umfassen demnach den Himmelsäquator und den jährlichen Weg der Sonne durch den Tierkreis (Ekliptik) |
| …die innere dagegen spaltete er sechsmal in sieben ungleiche Kreise, jede nach den Abständen des Zwei- und Dreifachen, deren je drei sind, und gebot den Kreisen, einander entgegen zu rollen… | Aufbau des Planetensystems |
| …dreien nämlich mit ähnlicher… | Sonne, Merkur, Venus |
| …den vier übrigen aber mit einer unter sich selbst und jenen dreien unähnlichen, aber verhältnismässigen Schnelligkeit… | Mond, Saturn, Mars, Jupiter |
Was soll man nun aber mit der dazwischenliegenden Konstruktion des Chi anfangen?
…indem er nun diese gesamte Zusammenfügung der Länge nach zweifach spaltete, die Mitte der einen an die andern in der Gestalt eines Chi (X) fügte, bog er sie zusammen und verband sie durch einen Kreis in eins, jede nämlich der Stelle des (ersten) Zusammentreffens gegenüber mit sich selbst und mit der andern.
Es scheint wahrscheinlich, dass Platon damit den Himmelsäquator und die Ekliptik konstruiert, nach folgendem Muster:

Die zu einem Kreuz zusammengefügten
Teile werden zu Kreisen gebogen, die Himmelsäquator
und Ekliptik konstituieren.
Welche Zusammenfügung aber genau nun wie «gespalten» wird, bleibt rätselhaft. Es gibt dazu einige kluge und ein paar eher abwegige Spekulationen. Die Frage trifft nicht gerade ins Zentrum unserer Abhandlung. Wir wollen dem drohenden Sumpf deshalb frühzeitig entrinnen.
Im Timaios wird also das Bild einer Weltschöpfung auf Basis der musikalischen Tonleiter entworfen, deren Motive wiederum auf ägyptische Überlieferungen zurückzugehen scheinen. Aber auch in dem folgenden kurzen Dialog Kritias wird noch einmal auf die ägyptische Überlieferung angespielt. Es ist – ausser einer kurzen Erwähnung im Timaios – die einzige literarische Darlegung des Atlantismythos. Der Mythos soll urspünglich ägyptischen Quellen entstammen, dann von Solon aufgezeichnet worden sein, der für die Atlantisbewohner allerdings griechische Namen verwendete. Diese Aufzeichnungen seien schliesslich in den Besitz des Berichterstatters Kritias gelangt.
Wohl kaum eine antike Sage hat die Fantasie der Abendländer bis heute so beflügelt wie die Geschichte der Insel Atlantis. Nicht wenige glauben an die historische Existenz des fantastischen Stadtstaates, wie er im Kritias sehr lebendig beschrieben wird. Das wegen Erdbeben und Überschwemmungen versunkene Land wurde dank der vagen Angabe «vor dem Eingang der Säulen des Herakles» in Nordeuropa, Südamerika, der Karibik oder Keinasien vermutet und nicht wenige Expeditionen wurden schon ausgerüstet, um ihm – ähnlich der biblischen Arche Noah – auf die Spur zu kommen. Andere Kommentatoren wollen im Atlantismythos bloss ein gedankliches Konstrukt sehen, das dazu dient, Platons Systematik der Staatsformen zu illustrieren.
Der Rigveda-Forscher McClain hat aber eine weitere Theorie entwickelt, die zwar auch hoch spekulativ ist. Sie ist aber interessant und einleuchtend genug, um sie kurz darzustellen. Platon präsentiert in seinen Dialogen vier Modellstädte: Kallipolis, das antike Athen, Atlantis und Magnesia. Letzteres wird im letzten Dialog, dem «Nomoi», entworfen, Atlantis und das antike Athen im Timaios. Die Modellstädte, die alle auch ein bestimmtes Staatsmodell exemplifizieren, stehen laut McClain für vier verschiedene Möglichkeiten, die vier Primzahlen 2, 3, 5 und 7 in ein Modell zu bringen (und damit ein rationales Tonsystem zu konstruieren)[4].
Atlantis stellt sich in den Grundzügen durch Poseidon, den griechischen Gott des Meeres, folgendermassen dar:
An der Seeküste, gegen die Mitte der ganzen Insel, lag eine Ebene, die schöner und fruchtbarer als irgendeine gewesen sein soll. In der Nähe dieser Ebene aber, wiederum nach der Mitte zu, befand sich vom Meer in einer Entfernung von etwa 50 Stadien, ein allerwärts niedriger Berg; auf diesem wohnte ein Mann, namens Euenor, aus der Zahl der anfänglich der Erde Entwachsenen, welcher die Leukippe zur Frau hatte. Beide erzeugten eine einzige Tochter, Kleito. Als das Mädchen bereits die Jahre der Mannbarkeit erreicht hatte, starben ihr die Mutter und auch der Vater; Poseidon aber, von Liebe zu ihr ergriffen, verband sich mit ihr und machte den Hügel, den sie bewohnte, zu einem wohlbefestigten, indem er ihn ringsum durch grössere und kleinere Gürtel abwechselnd von Wasser und Erde abgrenzte, nämlich zwei von Erde und drei von Wasser, die er mitten aus der Insel gleichsam herausdrechselte, überallhin gleich weit voneinander entfernt, so dass der Hügel für Menschen unzugänglich war, da es damals noch ebensowenig Schiffe wie Schifffahrt gab. Er selbst verlieh, als ein Gott, ohne Schwierigkeit der in der Mitte liegenden Insel fröhliches Gedeihen, indem er zwei Flüsse aus der Erde heraufführte, deren eine seiner Quellen warm, die andere kalt entquoll, und der Erde Nahrungsmittel aller Art zur Genüge entspriessen liessen.[5]
Die Ähnlichkeit mit der Erschaffung der Weltseele ist auffallend: Das Herausdrechseln von 2:3-Beziehungen und die konzentrischen Kreise finden sich dort im Wirtel und dem Planetenmodell, respektive der Himmelssphäre und Ekliptik.
Ferner zeugte er fünf männliche Zwillingspaare, liess sie auferziehen und verlieh, indem er die ganze Insel Atlantis in zehn Teile teilte, dem zuerst Geborenen des ältesten Paares den Wohnsitz seiner Mutter und den diesen rings umgebenden Anteil, als den grössten und vorzüglichsten, und machte ihn zum König der übrigen, die übrigen aber zu Statthaltern.[6]
Die Stadt wird in der Folge in mehreren Etappen ausgebaut:
Zuerst überbrückten sie die um den Hauptsitz laufenden Gürtel des Meeres, um nach aussen und nach der Königsburg einen Weg zu schaffen. Diese Königsburg erbauten sie aber sogleich vom Anbeginn in diesem Wohnsitze des Gottes und ihrer Ahnen; indem aber der eine von dem andern dieselbe überkam, suchte er durch jedesmalige Weiterausschmückung des Wohlausgeschmückten seinen Vorgänger nach Kräften zu übertreffen, bis sie ihre Wohnung zu einem durch Umfang und Schönheit Staunen erregenden Bau erhoben. Denn vom Meere aus führten sie einen 300 Fuss breiten, 100 Fuss tiefen und 50 Stadien langen Durchstich nach dem äusseren Gürtel, durch welchen sie der Einfahrt vom Meere nach ihm wie nach einem Hafen den Weg bahnten, indem sie einen für das Einlaufen der grössten Schiffe ausreichenden Raum eröffneten.[7]
McClain geht davon aus, dass Atlantis an seiner Masslosigkeit zugrunde gegangen ist, und dass es eben gerade das ist, was Sokrates seinen Jüngern vorzeigen will. Die Motivation sieht er im 2. Buch des «Staates», in dem Sokrates auf Zweifel seines Gesprächspartners Glaukons am idealen, das heisst sich mässigenden Saat, das Szenario eines masslosen zu entwerfen beginnt:
«Ach, ich verstehe!» sprach ich. «Wir betrachten nicht nur die Entstehung irgendeines, sondern die eines üppigen Staates. Vielleicht ist das gar nicht schlecht. Denn wenn wir diesen untersuchen, erkennen wir vielleicht, wie Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in den Staaten emporwachsen.»[8]
Allerdings ist McClains Theorie der harmonischen Entwicklung im Altertum sehr komplex, so dass wir uns hier auf die Grundzüge seiner Explikationen beschränken wollen.
Der Mandala-ähnliche Bau von Atlantis und damit die Verwandschaft zu den zyklischen Harmoniemodellen der Rigveda und des pythagoreischen Weltbildes scheinen offensichtlich, ebenso das Heiratsmotiv und die Zeugung eines weiblichen Nachkommens als Auslöser der ganzen Entwicklung. In den fünf Zwillingspaaren sieht McClain die erzeugenden Töne für immer feiner unterteilte Tonleitern, die von den jeweiligen Erweiterungen der Stadt symbolisiert werden. Der innerste Ring liefert alles chromatische Material ausser dem Tritonus, der nächstäussere kreiert enharmonische Vertauschungen für alle Töne, bis schliesslich der äusserste Ring ein System mit derart feinen Intervallen kreiert – nämlich eine Unterteilung der Oktave in 121 Tonschritte –, dass die Handelsleute «bei solcher Menge am Tag und in der Nacht Geschrei, Lärm und Getümmel aller Art erhoben»[9].
Die Verfeinerungen führen zu immer grösserer Dekadenz in der atlantischen Gesellschaft, die schliesslich zu ihrem Untergang führt.
———————————–
[1] Platon, Der Staat, 8. Buch, 546a-c, 367
[2] a.a.O., 10. Buch, 616b-617d
[3] a.a.O., Seite 630, Anmerkung 53 zum 10. Buch
[4] McClain, Seite 161
[5] Platon, Kritias, zitiert nach der Übersetzung von Hieronymus Müller, rowohlts enzyklopädie, Hamburg 1994, Seite 113
[6] a.a.O. Seiten 113/114
[7] a.a.O., Seite 118
[8] Platon, Der Staat, 2. Buch, 372e
[9] Kritias, Seite 120