In den Zeiten zwischen Platons Wirken in Griechenland und der Niederschrift des Handbuches von Nikomachus verfassten jüdische Autoren zahlreiche apokalyptische Schriften, die einerseits an die Bücher der alttestamentarischen Propheten, andererseits an die Weisheitsliteratur anknüpften – sie dienten als Tröstungen und Motivationen in einer Zeit intensiver Verfolgungen. Eine dieser «Offenbarungen» wurde 167 – 164 v. Chr. vom Syrerkönig Antiochus IV Epiphanes geschrieben und fand Eingang in das Buch Daniel der Bibel. Eine zweite ist die Johannes-Offenbarung, welche die Bibel abschliesst. Lange Zeit glaubte man, der Verfasser sei mit dem Apostel Johannes identisch, heute geht man jedoch davon aus, dass dem nicht so ist und dass wir über ihn bloss das wissen, was er uns selber in dem Text preisgibt. Entstanden ist die Johannes-Offenbarung vermutlich in der Regierungszeit des römischen Kaisers Domitian, die von 81 bis 96 n. Chr. dauerte.
Die Vermutung liegt nahe, dass für eine Endzeitvision auf die Inspiration grosser bildhafter metaphysischer Entwürfe und Untergangsszenarien zurückgegriffen wird und zudem – getreu klandestiner Tätigkeiten verfolgter Minderheiten – auf verschlüsselte und nur Eingeweihten zugängliche Symbolismen. Es erstaunt deshalb nicht, dass man in dem Text auf zahlreiche Motive stösst, die den metaphorischen Weltschöpfungs- und Untergangsmythen früherer Zeiten zu entstammen scheinen. Der deutlichste Hinweis darauf ist die bemerkenswerte Zahlensymbolik des Johannes-Textes:
4,4 Und rings um den Thron standen vierundzwanzig Throne, und auf den Thronen sassen vierundzwanzig Älteste in weissen Gewändern und mit goldenen Kränzen auf dem Haupt.
4,5 Von dem Thron gingen Blitze, Stimmen und Donner aus. Und sieben lodernde Fackeln brannten vor dem Thron; das sind die sieben Geister Gottes.
4,6 Und vor dem Thron war etwas wie ein gläsernes Meer, gleich Kristall.
Und in der Mitte, rings um den Thron, waren vier Lebewesen voller Augen, vorn und hinten.
4,7 Das erste Lebewesen glich einem Löwen, das zweite einem Stier, das dritte sah aus wie ein Mensch, das vierte glich einem fliegenden Adler.
4,8 Und jedes der vier Lebewesen hatte sechs Flügel, aussen und innen voller Augen.[1]7,1 Danach sah ich: Vier Engel standen an den vier Ecken der Erde. Sie hielten die vier Winde der Erde fest, damit der Wind weder über das Land noch über das Meer wehte, noch gegen irgendeinen Baum. 2 Dann sah ich vom Osten her einen anderen Engel emporsteigen; er hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief den vier Engeln, denen die Macht gegeben war, dem Land und dem Meer Schaden zuzufügen, mit lauter Stimme zu: 3 Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf der Stirn gedrückt haben.
4 Und ich erfuhr die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren hundertvierundvierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen:
5 Aus dem Stamm Juda trugen das Siegel zwölftausend,/ Aus dem Stamm Ruben zwölftausend,/ aus dem Stamm Gad zwölftausend,
6 aus dem Stamm Ascher zwölftausend, / aus dem Stamm Naftali zwölftausend, / aus dem Stamm Manasse zwölftausend,
7 aus dem Stamm Simeon zwölftausend, / aus dem Stamm Levi zwölftausend, / aus dem Stamm Issachar zwölftausend,
8 aus dem Stamm Sebulon zwölftausend, / aus dem Stamm Josef zwölftausend, / aus dem Stamm Benjamin trugen zwölftausend das Siegel.
9 Danach sah ich: eine grosse Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen.[2]
Der Text gliedert sich in mehrere Teile: In einer Einleitung richtet sich Johannes an sieben christliche Gemeinden, die der Verfolgung durch den selbstherrlichen Kaiser Domitian ausgesetzt sind. Geografisch gesehen bilden die sieben Gemeinden einen Kreis. Die eigentliche Vision beginnt mit einer Beschreibung des endzeitlichen Himmels, gefolgt von der Beschreibung eines Kampfes Satans gegen das Volk Gottes. Der Kulminationspunkt findet sich im Entwurf des grossen Gerichts über die Menschen, die Erde und Satan.
Das Zentrum der Himmelsvision bildet der Thron Gottes, um den im Kreis die vierundzwanzig Ältesten sitzen. Zudem lodern sieben Fackeln, welche die sieben Geister Gottes symbolisieren. Ebenfalls rund um den Thron sitzen vier Lebewesen: ein Löwe, ein Stier, ein Mensch und ein Adler. Etwas suggestiv kann man die Anordnung grafisch so darstellen:

Das Thronbild der Apokalypse
Ein «Lamm» mit sieben Hörnern und sieben Augen empfängt aus der rechten Hand «dessen, der auf dem Thron sitzt», eine mit sieben Siegeln verschlossene Buchrolle, worauf die vier Lebewesen und vierundzwanzig Ältesten – ausgestattet mit Harfen, goldenen Schalen und Räucherwerk – niederfallen und ein neues Lied singen. Rund um den Thron beginnen auch viele Engel zu singen, nämlich «zehntausendmal zehntausend und tausendmal tausend».
In der Folge läuft dreimal eigentlich dasselbe Szenario ab, einmal anhand der sieben Siegel, einmal mit sieben Posaunen als Ankündiger und einmal in sieben Bildern, die alle mit «und ich sah» beginnen. Auch diese Bilder haben einen konzentrischen Aufbau. Geschildert wird die Endzeit, in der Katastrophen über die Menschheit einbrechen, die Guten von den Bösen geschieden werden und das «neue Jerusalem herabkommt».
Der Bericht ist geprägt von symbolträchtig platzierten, genauen Mengenangaben. Neben der allbeherrschenden Sieben spielen eine Rolle:
- 2 (Zeugen, Ölbäume, Leuchter, Propheten, Tiere, Hörner)
- 3 (Engel, Katastrophen, Geister, Teile der Stadt, Tore)
- Drittel (Erde, Bäume, des Meeres, Meerestiere, Schiffe, Flüsse, von Mond und Sternen, Helligkeit, Tag, Nacht, Menschheit/Menschen, Sterne)
- Dreieinhalb (Tage, Jahre)
- 4 (mächtige Gestalten, Engel, Winde, Hörner, Enden)
- Viertel (der Erde)
- 5 (Monate, Könige)
- 6 (Flügel)
- 7 (Gemeinden, Geister, goldene Leuchter, Sterne, Geister Gottes, Fackeln, Siegel, Hörner, Augen, Engel, Posaunen, Donner, Köpfe, Katastrophen, goldene Schalen, Hügel, Könige)
- 8 (Könige)
- 10 (Tage, Hörner, Könige)
- Zehntel (der Stadt)
- 12 (Sterne, Tore, Engel, Stämme, Grundsteine, Apostel, kostbare Steine, Perlen)
- 24 (Throne, Älteste)
- 42 (Monate)
- 144 (Ellen)
- 666 (Zahl des Tieres)
- 1000 (Jahre)
- 12 000 (Wegmasse)
- 1260 (Tage)
- 1600 (Wegmasse)
- 7000 (Menschen)
- 12 000 (Stammesangehörige)
- 144 000 (Stammesangehörige)
- Tausend und Abertausende (Engel, eigentlich 20 000 Myriaden, das heisst 200 Millionen)
- Millionen und Abermillionen (berittene Truppen)
Diese Liste erschöpft die Zahlenvorkommnisse in der Offenbarung.
Zwei wichtige Bemerkungen sind dazu zu machen: Erstens kennt die hebräische Schrift keine eigenen Zeichen für Zahlen und keine Vokale. Dafür wird jedem Buchstaben ein Zahlenwert zugeordnet. Deshalb kann auch jedem Namen eine Zahl zugeordnet werden, was einer mystischen Zahlenspekuliererei natürlich Tür und Tor öffnet. So wurde etwa die Zahl 666 – die unheilvolle Zahl des Teufels – dem Namen «Qesar Nero» zugeordnet, auch in der Variante «Nero redivivus». In einem 1974 erschienen Beitrag zur Apokalypse weist Heinrich Kraft[3] allerdings darauf hin, dass es mit allerlei Rechenkünsten möglich ist, nahezu jeden römischen Kaiser mit der Zahl in Verbindung zu bringen.
Eine interessante Alternativdeutung bietet der Theologe Ernst Lohmeyer in einem 1926 erschienenen Kommentar[4]. Er weist darauf hin, dass 666 die Summe aller Zahlen von 1 bis 36 ist und 36 wiederum die Summe aller Zahlen von 1 bis 8. Daraus schliesst er, dass damit Satan selber in Gestalt des in der Apokalypse erwähnten Tieres gemeint sein könnte – als achtes, das die heilige Siebenzahl übersteigt.
Zweitens gehören die Zahlen Dreieinhalb, 42 und 1260 thematisch zusammen. Letztere sind ja auch Vielfache der ersten (1260 Tage = 42 Monate zu je 30 Tagen des Mondzyklus’). Dass der Text noch weit subtiler durchkomponiert sein könnte, als es den Anschein hat, nähren etwa Beobachtungen wie diejenige, dass die Dreieinhalb genau siebenmal vorkommt, ebenso der Name «Christus». «Jesus» taucht genau vierzehnmal auf, und weitere Christusbeschreibungen folgen ebenso der Zahl Sieben. Zudem kann man im ganzen Text eine symmetrische, siebenteilige Anlage finden.
Bemerkenswert ist überdies die Figur einer schwangeren Frau, die den Mond unter ihren Füssen hat und einen Kranz von zwölf Sternen trägt. Die meisten Theologen sind sich einig darüber, dass da heidnische, der astralen Mythologie verpflichtete Motive aufgegriffen werden. Anklänge an astrologische Motive finden sich auch beim Bild des Neuen Jerusalem mit seinen zwölf Toren und vier Himmelsrichtungen. Auch die damit assoziierten Edelsteine verweisen nach den meisten Kommentatoren auf den Tierkreis. Es scheinen aber auch Anklänge an den Atlantismythos darin hörbar.
So betrachtet hat der Bericht der Offenbarung doch schon auffallende Ähnlichkeiten mit den Mandalas des Rigveda und dem platonischen Modell der idealen Stadt. Das ist auch McClain nicht entgangen. Zunächst einmal zitiert er «Peake’s Commentary on the Bible»[5], dem auffällt, dass die Johannes-Offenbarung viele Motive enthält, die weder jüdischer noch christlicher Tradition entstammen. Der englische Standardkommentar zur Bibel verfolgt einige Motive zurück bis nach Persien, Babylon, Ägypten und Griechenland. Nach McClain handelt es sich bei den fremden Elementen um eine Variation der in der Rigveda entworfenen arithmologischen Weltsicht. Allerdings sind einige seiner Deutungen, wenn auch interessant, so doch sehr spekulativ. In der Zahl 1260 sieht er den Abstand der Sonne in Anzahl Erdradien, wie sie im ptolemäischen Weltbild definiert sind, und überdies die Komposition aus der heiligen Sieben, der menschlichen Fünf und der göttlichen Drei. In der Primfaktorzerlegung von 1260 erscheint die Zwei im Quadrat, die Drei ebenfalls, nicht aber die Fünf und Sieben, wofür es bei einer solchen Erklärung eigentlich keinen Grund geben kann.
Ebenfalls hoch spekulativ sind die Überlegungen McClains zur «Zahl des Tieres», welche die üblichen Bibelübersetzungen mit 666 (oder 616) angeben. Da das Hebräische wie bereits erwähnt keine direkte Zahldarstellung kennt, bleibt ein gewisser Interpretationsspielraum. McClain schlägt vor, die 666 als «sechsmal die drei mit sich selber multipliziert», will sagen als 36 zu lesen. Dies passt in seine Zahlendeutung, die der 36 den Tritonus, also den «Diabolus in musica», zuordnet.
Wie dem auch sei, die Zahlensymbolik der Johannes-Offenbarung ist mit grosser Wahrscheinlichkeit auch von arithmologischen und musikalischen Systemen inspiriert – ob dies ihrem Verfasser nun bewusst war oder nicht. Sie bildet in den folgenden Jahrhunderten und eigentlich bis heute den Freiraum, den christliche Denker im Rahmen der Bibel nutzen, um der hermetischen und astrologischen Sichtweise der Welt ihren Tribut zu zollen.
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[1] Offenbarung 4, 4-8, zitiert nach der in der Katholischen Bibelanstalt verlegten Einheitsübersetzung von 1980
[2] a.a.O. 7.1-9
[3] Heinrich Kraft, Handbuch zum Neuen Testament, Offenbarung des Johannes, Mohr Siebeck, Tübingen 1974
[4] Ernst Lohmeyer, Handbuch zum Neuen Testament, Offenbarung des Johannes, 1926
[5] Mathew Black (Hsg): Peake’s Commentary on the Bible, Thomas Nelson and Sons, London 1962